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Das Herz der Tora

Predigt über Hesekiel 36, 24-32 von Dr. Guido Baltes, Marburg, auf der EDI–Israelkonferenz 2017

 

Dr. Guido Baltes, ev. Pfarrer und Dozent für Neues Testament am mbs Bibelseminar (Marburg). Jahrgang 1968, verheiratet mit Steffi, ist Mitglied im Leitungsteam des Christus-Treff Marburg. Von 2003-2009 hatte er die Leitung des Johanniter-Hospizes in Jerusalem (Israel). Er ist Autor der Bücher: “Jesus, der Jude“ und “Paulus – Jude mit Mission“.

 

„Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“

Jahreslosungen werden für gewöhnlich so ausgesucht, dass sie eine möglichst universale Bedeutung haben, dass sie ohne Kenntnis des Kontextes verständlich sind und dass sie auf jede Lebenslage passen. Das ist auch bei diesem Vers so. Und deswegen geht es Ihnen vermutlich so wie auch mir, dass fast alle Predigten und Andachten, die Sie in diesem Jahr schon zu diesem Vers gehört haben, sich vor allem auf unser eigenes, persönliches Herz beziehen und davon sprechen, wie wichtig es ist, dass jeder und jede von uns sich täglich neu von Gott erneuern lässt. Das ist auch sicher gut und richtig so. Denn in diesem Vers geht es sicher – auch – um unser eigenes Herz.

 

Das Herz als Zentrum des Menschen

Das Herz ist ja in der Bibel nicht nur ein biologisches Organ. Und auch nicht nur das Zentrum der Gefühle und Emotionen, wie in unserer modernen Welt, wo wir Herz und Kopf so oft von einander trennen. In der Bibel ist das Herz dagegen das Zentrum des Menschen, Steuerungseinheit und Führerhaus seines Denkens, seines Wollens, seines Fühlens und auch seines Handelns.

Aber ich möchte heute diesen Vers einmal in seinem ursprünglichen Kontext lesen, wo es zuallererst einmal nicht um unser Herz geht, sondern um das Herz Israels. Ich lese aus Hesekiel 36,24-28:

 

„24 Denn ich will euch aus den Heiden herausholen und euch aus allen Ländern sammeln und wieder in euer Land bringen, 25 und ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. 26 Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. 27 Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. 28 Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein und ich will euer Gott sein.“

 

Das neue Herz Israels

Hier geht es also zunächst einmal um das neue Herz Israels. Was ist damit gemeint? Sind damit die einzelnen Herzen der einzelnen Israeliten gemeint? Wenn wir dem Apostel Paulus im Galaterbrief glauben dürfen, dann lohnt es sich, in der Schrift darauf zu achten, ob ein Wort in der Einzahl oder in der Mehrzahl steht. Paulus sagt: „Der Nachkomme Abrahams“ ist nur einer, und nicht viele (Galater 3,16). Und ich denke, so ähnlich ist es hier. In der Bibel gibt es ein geheimnisvolles Mit- und Nebeneinander des Individuellen und das Kollektiven. Gott handelt mit einzelnen Menschen, aber er handelt auch mit einem Volk.

Man darf also die Frage stellen: Gibt es ein Herz Israels? Eines, dessen Bedeutung über die Summe der einzelnen Herzen hinausgeht? Ohne Zweifel ist hier natürlich auch die Herzenshaltung des Volkes gemeint, also der einzelnen Menschen. Die Bibel redet immer wieder vom Herzen Israels, nicht zuletzt sogar in den großen Worten des Schema Israel: „Höre Israel (...) du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen (...). Und diese Worte sollst du auf dein Herz schreiben.“ (5. Mose 6,4-6) Auch hier geht es um das Herz Israels, damit ist also sicher auch die Herzenshaltung jedes einzelnen Menschen gemeint. Ich glaube aber doch, dass in Hesekiel 36 noch eine tiefere Bedeutung in diesem Versprechen liegt, dass Gott Israel ein neues Herz geben wird und seinen Geist in ihre Mitte hinein geben wird. Was könnte also dieses Herz Israels sein? Die Mitte Israels? Wenn das Herz eines Menschen in der Bibel sein Personen- und Steuerzentrum ist, der Dreh- und Angelpunkt, der sein Denken, Fühlen und Handeln bestimmt - was ist dann dieses Zentrum für Israel? Und wie sieht es aus, wenn Gott dieses Zentrum erneuert?

Der Apostel Paulus macht einen Vorschlag, was dieses Herz Israels sein könnte. Und zwar in 2. Korinther 3,15: Das ist die berühmte Stelle mit der Decke – aber eben nicht der Decke vor den Augen, sondern einer Decke über dem „Herzen Israels“: „Aber bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, hängt die Decke vor ihrem Herzen. Wenn Israel aber sich hinwendet zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan.“ Wohlgemerkt, die Decke ist hier nicht vor den Augen, sondern sie liegt über dem Herzen Israels. Dieser Vers wird ja sehr gerne von Christen benutzt als ein Bild für die Verstockung oder Blindheit Israels. Es wird dann zusammen geworfen mit jenen Darstellungen der Kirchenkunst, die die triumphierende Kirche und die blinde Synagoge als zwei Frauen darstellt, von denen die eine eine Augenbinde um den Kopf gebunden hat.

 

Die Decke über dem Herzen Israels

Dieses Bild ist hier aber gerade nicht gemeint. Paulus redet von einer Decke oder einem Vorhang über dem Herzen Israels, und er verwendet dafür das gleiche Wort wie das, was die Bibel für den Vorhang verwendet, der das Allerheiligste im Tempel verhüllt: „kalymma“ oder im Hebräischen „parochet“. Das gleiche Wort verwendet die Schrift auch für die Decke, die Mose vor sein Gesicht hält, um die Herrlichkeit Gottes zu verbergen, die für die Zuschauer außerhalb des Heiligtums unerträglich wäre.

Diese Decke ist also keine Augenbinde und kein Zeichen für Blindheit, sondern sie ist ein Zeichen für die unermessliche, und für den normalen Menschen nur schwer zu ertragende Heiligkeit, die sich hinter ihr verbirgt. Wenn also eine Decke über dem Herzen Israels liegt, dann ist das kein Bild für Blindheit oder Verstockung, sondern ein Hinweis darauf, dass sich unter dieser Decke etwas unermesslich Wertvolles, etwas Heiliges verbirgt. Nämlich das Herz Israels. Paulus belässt uns glücklicherweise nicht bei diesem Bild, sondern er sagt auch deutlich, was für ihn dieses Herz ist: Nur zwei Verse vorher sagt er nämlich, dass die Decke über dem Alten Bund liegt, wenn er verlesen wird. Das Herz Israels wäre demnach, wenn man Paulus glauben darf, die Urkunde des Alten Bundes. Paulus geht an dieser Stelle einen geschickten exegetischen Dreischritt: Zuerst redet er von der Decke, die Mose auf sein Gesicht legt – gemeint ist dort Mose als Person. Dann erzählt er von der Decke, die über der Lesung des Alten Bundes liegt – hier ist es also keine Person mehr, sondern eine Schrift. Und zum Schluss sagt er dann, dass die Decke auf dem Herzen Israels liegt, immer wenn Mose gelesen wird. Hier sind dann wohl endgültig die fünf Bücher gemeint, die den Namen des Mose tragen. Aber was heißt das? Dass wir nach dem Herzen Israels in dieser Urkunde des Alten Bundes suchen müssen, in der Tora. Das Herz Israels findet sich also in der Tora – vielleicht sogar im Herzen der Tora? Der Niederländische Alttestamentler Hendrik Koorevaar hat vor einigen Jahren einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel „Durchdringen ins heilige Herz der Tora“ (“Eine strukturelle Theologie von Exodus – Levitikus – Numeri: Durchdringen ins heilige Herz der Tora”. In: Herbert H. Klement and Julius Steinberg (ed.). Themenbuch zur Theologie des Alten Testaments. Bibelwissenschaftliche Monographien, 15. Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 2007, 87–131).

 

Die Mitte der Tora

Darin untersucht er sehr genau den literarischen Aufbau der fünf Bücher Mose und kommt zu einem überraschenden Schluss: Er zeigt, dass die Bücher der Tora aufgebaut sind wie konzentrische Kreise, also wie Kreise, die sich um eine Mitte bilden, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Es gibt demnach eine Mitte der Tora, um die sich alles andere herum gruppiert wie Bilderrahmen, die ineinander geschachtelt immer größer werden. Wir haben also fünf Bücher Mose. Das Mittlere davon ist das dritte Buch Mose. Wiederum in der Mitte dieses mittleren Buches finden sich die Gesetze von der Reinheit und von der Heiligkeit. In der Mitte dieser Gesetze wiederum befindet sich das 16. Kapitel, die Anweisungen zum großen Versöhnungstag, zum Jom Ha Kippurim. Es wird beschrieben wie der Hohepriester sich vorbereitet, bevor er ins Heiligtum hineingeht, und wie er dann hineingeht, das Sühneopfer bringt und schließlich wieder herauskommt und zuerst die Stiftshütte, dann die Priester und dann die Gemeinde entsühnt. In diesem Kapitel gibt es also zuerst eine Bewegung immer mehr nach innen, zum Allerheiligsten hin, und dann wieder nach Außen, vom Allerheiligsten her. In der Mitte dieser Bewegung, also in der Mitte des mittleren Kapitels im mittleren Buch, findet sich das, was Hendrik Koorevaar das „heilige Herz der Tora“ nennt. Die Mitte der Mitte der Mitte. Es ist der Satz: „So wird er Sühne schaffen für sich und sein Haus und für die ganze Gemeinde Israel.“ (3. Mose 16,17)

 

Im Zentrum der Versöhnung

Das ist also das, worauf alles andere hinführt und woher alles kommt. Es sind nicht einfach die Gebote und Verbote der Tora, es sind auch nicht die Erzählungen von Abraham oder vom Auszug aus Ägypten, die im Herzen der Tora stehen, sondern es ist Gottes Angebot der Versöhnung, die das heilige Herz der Tora bildet. Der Akt der Versöhnung steht im Zentrum – und das spiegelt sich übrigens nicht nur im Aufbau der fünf Bücher Mose wieder, sondern zugleich auch ganz greifbar in der Anordnung des Volkes Israel auf der Wüstenwanderung: Auch hier war es ja so, dass sich die zwölf Stämme Israels im Kreis um die Stiftshütte herum lagerten. Diese war zunächst umgeben vom Vorhof, der mit einem Zaun abgegrenzt war. Darin befand sich in der Mitte das heilige Zelt. Dessen Innerstes wiederum bildete das Allerheiligste. Davor, sozusagen vor dem heiligen Herzen Israels, hing die Decke, der Vorhang. Und hinter dem Vorhang, im Herzen Israels, stand die Bundeslade mit ihrer goldenen Deckelplatte und den zwei Cherubim. Zwischen diesen Cherubim, also genau im Zentrum des Zentrums des Zentrums, dort hatte Gott versprochen: Hier will ich euch begegnen und von hier aus will ich mit euch reden. (2. Mose 25,22)

Auch hier sind wir also – ähnlich wie beim Aufbau der Tora – angekommen in der Mitte der Mitte der Mitte. Am Ort der Versöhnung. Später befand sich dieser Ort im Innersten des Tempels von Jerusalem. Und ein rabbinischer Midrasch macht auch hier die Symbolik der Mitte sehr gut deutlich: „So wie das Land Israel in der Mitte der Erde liegt, so liegt Jerusalem in der Mitte des Landes Israel. Und so wie Jerusalem in der Mitte des Landes liegt, so liegt der Tempel in der Mitte von Jerusalem. Und so wie der Tempel in der Mitte Jerusalems liegt, so liegt das Heiligtum in der Mitte des Tempels. Und so wie das Heiligtum in der Mitte des Tempels liegt, liegt die Bundeslade in der Mitte des Heiligtums.“ (Midrasch TanB, Qedoschim 10, ed. Hans Bietenhard, JudChr Bd. 6, Bern 1982, S. 113). Diese Beschreibung ist zwar weder geographisch noch mathematisch völlig korrekt, aber sie macht symbolisch deutlich, wo die geistliche Mitte Israels liegt: Am Ort, wo die Versöhnung geschieht, und eben in jenem Kernsatz der Tora, der dem Volk die Versöhnung verheisst. Das Geschenk der Versöhnung ist also nicht nur die literarische Mitte der Tora (also der fünf Bücher Mose), sondern auch die räumliche Mitte des Gottesvolkes. Es ist deswegen tatsächlich zutreffend, wenn wir hier vom „heiligen Herz der Tora“ sprechen und an dieser Stelle auch das Herz Israels ansiedeln.

 

Eine neue Verheißung für das Volk Israel

Und nun kehren wir von hier aus wieder zurück zu unserem Predigttext im Buch Hesekiel. Und die Worte, die wir sonst sehr individuell auf unser eigenes Herz hin auslegen, werden nun durchsichtig auf das heilige Herz der Tora hin:
„Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“

Was für eine Zusage, in einer Zeit, in der das Volk gerade seines Herzens beraubt worden war: Der babylonische König Nebukadnezar hatte den Tempel in Jerusalem zerstört und das Volk aus seinem Land herausgeführt. Es war, als hätte man dem Volk das Herz aus dem Leib gerissen. Aber Gott verspricht: ich will euch ein neues Herz geben. Dieses Mal nicht ein Herz aus Stein, sondern ein Herz aus Fleisch und Blut. Ich glaube, hier geht es also nicht nur um die Erneuerung unserer Herzen, sondern auch um die Verheißung einer neuen Mitte für das Volk Israel. Ein neues Herz, das nicht aus Stein sein wird, sondern aus Fleisch.

Mir kommen da die Worte aus dem Beginn des Johannes Evangeliums in den Sinn: „Das Wort wurde Fleisch und es wohnte mitten unter uns.“ (Johannes 1,13) Was passiert hier? Gott selbst hatte schon dem Mose versprochen, im Herzen seines Volkes zu wohnen. Aber das Haus aus Stein war von Anfang an nur vorübergehend. Es war ein Sinnbild für das, was kommen würde.

Und auch der große Versöhnungstag, im heiligen Herzen der Tora beschrieben, war immer schon ein Zeichen, das nach vorne wies: Paulus schreibt im dritten Kapitel des Römerbriefs, dass Gott den Menschen Jesus für uns zur Deckelplatte der Bundeslade gemacht hat, zu jenem heiligen Ort der Versöhnung, von dem im Herzen der Tora die Rede ist. Hier, in Jesus, wird die wahre Bedeutung und die wahre Herrlichkeit des alten Mose-Bundes sichtbar und offenbar. Deshalb sagt Paulus auch im Korintherbrief, dass in Jesus die Decke weggenommen wird vom Herzen Israels: Der Heilige Schatz, der schon immer verborgen war im Herzen der Tora und in der Mitte Israels, wird nun, durch Gottes Handeln in Jesus, vor aller Welt aufgedeckt und sichtbar.

 

Das Versprechen von Freiheit

Es ist, als hätte Mose damals in der Wüste die Decke von seinem Angesicht genommen, und die ganze Herrlichkeit der dahinter verborgenen Gottesnähe wäre für alle sichtbar geworden. Aber dafür war damals die Zeit noch nicht gekommen. Paulus aber vergleicht Jesus mit Mose, weil nun der verborgene Glanz sichtbar wird.n dieser Stelle geht es also nicht darum, dass die „blinden Juden“ nun plötzlich sehen können, sondern dass ein verborgener Schatz, ein verhüllter Glanz, das Herz Israels, jetzt auch für andere sichtbar wird. In Jesus erkennen wir den Reichtum, die Schönheit und die Herrlichkeit des alten Bundes, der nun in neuem Glanz leuchtet, weil Gott selbst sich hineingibt in das Herz seines Volkes.

Aber der Bibeltext verheißt noch mehr als das: Gott gibt seinen Geist hinein in die Mitte seines Volkes. In Hesekiel heißt es: „Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun“. Luther übersetzt hier: „Ich will meinen Geist in euch geben“. Das ist aber etwas ungenau. Wörtlich heißt es: „In eure Mitte“ (be-kirbechem). Hier ist also wieder das Bild vom Mittelpunkt verwendet. Gott lässt seinen Geist genau dort wohnen, wo in früherer Zeit der Tempel war, seine Wohnung. Und auch Paulus greift an jener Stelle im Korintherbrief direkt nach dem Bild vom Herz das Bild vom Geist auf: „Wenn immer Israel aber sich hinwendet zu seinem Herrn, dann wird diese Decke weggenommen. Der Herr ist nämlich der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Deshalb schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.“ (2. Korinther 3,16-18). Hier sehen wir, wie Paulus die Herrlichkeit des Alten Bundes mit der Verheißung aus dem Buch Hesekiel und mit der Realität des Neuen Bundes verknüpft: Es geht ihm nicht darum, den Alten Bund schlecht zu machen, um dann den Neuen an seine Stelle zu setzen. Schon gar nicht geht es darum, jüdische Blindheit und christliche Besserwisserei gegeneinander auszuspielen.

Es geht auch bei der „Freiheit“, die Paulus hier erwähnt, nicht um die vielbesungene Freiheit vom Gesetz, die viele zu Unrecht bei Paulus vermuten. Denn, so lesen wir in Hesekiel: Das Resultat des neuen Herzens und des neuen Geistes wird ja sein, dass wir solche Leute werden, „... die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun“ (Hesekiel 36,27).

Ähnlich heißt es ja in Jeremia über den neuen Bund, nicht etwa, dass Gott das Gesetz durch Gnade ersetzt, sondern dass Gott das Gesetz in das Herz Israels tut (be-libam , auch hier in der Einzahl) und in ihre Mitte (be-qirbam, wieder Einzahl) schreibt (Jeremia 31,33).
Paulus geht es in 2. Korinther 3 nicht um einen Gegensatz zwischen Altem und Neuem Bund, sondern er möchte zeigen, dass das Wesen des Neuen Bundes darin besteht, die Herrlichkeit des Alten Bundes noch deutlicher zum Vorschein zu bringen. Den Glanz für alle sichtbar zu machen, der bisher vor den Augen vieler verborgen und verdeckt war. Indem Gott selbst ins Herz seines Volkes hineinkommt, in Gestalt des Messias Jesus.

Ja, Gott hat das alte Herz aus der Mitte seines Volkes weggenommen, weil es nur ein vorübergehendes Zeichen war, das über sich hinausweist. Aber er hat ein neues Herz an seine Stelle getan: Sein eigenes Fleisch und Blut (Apostelgeschichte 20,28). So wird diese alte Verheißung aus Hesekiel im neuen Bund Wirklichkeit. Natürlich hat das auch zur Folge, dass unsere Herzen, jeder einzelne von uns, erneuert wird und Gott auch jedem von uns ein neues Herz geben will. Das tut er durch den Heiligen Geist, der ausgegossen wird in unsere Herzen hinein. Aber das ist erst der zweite Schritt, die Folge aus dem, was Gott vorher getan hat: Dass er Israel ein neues Herz gegeben hat. Dass der Heilige Ort der Versöhnung, der das Herz der Tora und das Herz des Volkes bildete, nun menschliche Gestalt angenommen hat.

 

Bund Gottes neu bestärkt

Weder der Bund Gottes noch die Tora Gottes werden damit aufgehoben oder abgeschafft. Aber beide werden von diesem Herzen her neu gefüllt, neu gestärkt, neu belebt. Sie erhalten einen neuen, bisher nicht da gewesenen und nicht sichtbaren Glanz. Und wir können weder den Bund noch die Tora seitdem anders verstehen als von diesem heiligen Herz Israels her. Es entsteht am Ende wieder das Bild von konzentrischen Kreisen, die sich um die Mitte her bilden wie um einen Stein, der ins Wasser eingetaucht ist: Im Herzen Israels ist der Messias, von ihm her erhalten Bund, Tora und Volk ihren Herzschlag. Das Volk Israel sammelt sich um diese Mitte herum. Und indem es sich seinem Messias zuwendet, geht der Glanz der Herrlichkeit auf das Volk über. Und

dann zeichnet Paulus das Bild noch einen Schritt weiter: Aus einer Herrlichkeit folgt die nächste, so wie Wellen, die einander anstoßen. Ich glaube, dass dies ein Bild ist für die Völkerwelt, die nun auch um diese Mitte herum versammelt wird. So haben wir also den Messias in der Mitte, im Herzen Israels, und die Völker in einem größeren Kreis um diese Mitte herum. Der Evangelist Matthäus verwendet übrigens in Matthäus 4,15 das gleiche Bild: Er spricht davon, dass das Licht der Herrlichkeit Gottes in Galiläa aufleuchtet, als Jesus dort Wohnung nimmt, und dass es von dort ausstrahlt in den „Kreis der Völker“ (galil hagojim), die um Galiläa herum angesiedelt sind. Galiläa ist also nicht, wie oft gesagt wird, ein „heidnisches Galiläa“, weil es dort keine Juden gegeben habe. Sondern es ist ein „von Heidenvölkern umgebenes“ Galiläa, weil es rundum von anderen Völkern umgeben ist, und das Wirken Jesu deshalb von dieser Mitte aus in alle Völkern hinein ausstrahlt, wie auch im Lauf der Evangelien deutlich wird.

 

Kirche ohne Mitte?

Lassen Sie mich aber jetzt zum Abschluss noch ein paar Worte darüber sagen, was dieses Bild von der neuen Mitte für unsere Kirche heute bedeutet. Denn wenn wir dieses Bild von der Mitte Israels, vom Herzen Israels vor Augen haben, dann verstehen wir, wie fatal es für die Kirche ist, wenn sie sich dieser ihrer eigenen Mitte beraubt: Wenn der Messias im Herzen Israels ist, und Israel im Herzen der Kirche, dann beraubt sich eine Kirche, die Israel aus ihrer Mitte verbannt, letztlich ihres eigenen Herzens.

Und genau das erleben wir ja derzeit: Unsere Kirche versucht Kirche zu sein, aber sie möchte Israel nicht in ihrer Mitte, sondern gleichberechtigt neben sich haben. Das ist an sich ein lobenswertes Anliegen. Aber indem sie Israel aus ihrer Mitte verweist und neben sich stellt, tut die Erklärung der EKD Synode vom 9. November letzten Jahres, ohne es zu wollen, genau das: Sie reißt Christus aus dem Herzen Israels heraus und sie reißt Israel aus dem Herzen der Kirche.

Aber damit reißt sie sich letztlich selbst das Herz aus dem eigenen Leib. Der Messias, Christus, ist nirgendwo anders zu finden als im Herzen Israels. Denn dahin ist er gekommen, dahin hat Gott ihn verheißen. Und wenn wir als Kirche Israel aus unserer Mitte verbannen, dann schneiden wir uns ab vom Herzschlag Gottes, von dieser Verheißung aus Hesekiel 36 und von den meisten anderen Verheißungen der Schrift, die eben in erster Linie Israel gelten und nur deswegen auch uns als Kirche. Aber gleichzeitig reißen wir damit auch Israel selbst das Herz aus der Brust, denn wir behaupten, dass der Messias Jesus nicht für Israel, sondern ausschließlich für uns gekommen sei. Ich weiß, dass diese Erklärung eigentlich das Gegenteil möchte: Man möchte Israel nicht verletzten, man möchte solidarisch sein und nicht herablassend und besserwisserisch. Das alles will ich gar nicht klein reden und ich bin auch sehr froh, dass es überhaupt so eine Erklärung zur bleibenden Bedeutung des Bundes mit Israel gibt. Denn das ist es ja, worum es in unserem Text geht.

 

Herzlose Botschaft

Aber: Diesen bleibenden Bund gibt es eben, nach unserem Text, nicht ohne den Messias oder am Messias vorbei. Weil der Messias das eigentliche Herz dieses Bundes ist. Ohne den Messias ist der ungekündigte Bund ein herzloser Bund. Und die Botschaft vom ungekündigten Bund eine herzlose Botschaft. Wenn wir also diese Jahreslosung wirklich ernst nehmen wollen, nicht nur als Trostwort für den Einzelnen sondern in seinem ursprünglichen Kontext, dann sind zwei Dinge notwendig: Erstens: Der Messias hat seinen Platz im Herzen und in der Mitte Israels. Und das bedeutet: Das Evangelium vom Messias Jesus gilt nach wie vor zuerst und vor allem Israel, und dann auch den Völkern. Und zweitens: Israel hat seinen Platz im Herzen und in der Mitte der Kirche. Und das bedeutet: Wir brauchen ein deutliches und klares Wort der Kirche, das unsere messianischen Geschwister nicht außerhalb der Kirche, auch nicht am Rande der Kirche, sondern in der Mitte unserer Kirche zu Hause sind und dort auch willkommen geheißen werden müssen. Dieses Wort steht, insbesondere nach der EKD-Erklärung vom 9. November 2016 noch aus.

Aber ich glaube, dass auch hier die Zusage aus Hesekiel gilt: Damals sprach Gott zu einem Volk, dem gerade das Herz herausgerissen wurde. Und das auch aufgrund seines eigenen Ungehorsams. Und doch hat Gott zugesagt, dass er es dabei nicht belassen wird. Sondern dass er selbst dafür sorgen wird, das Herz wieder an seinen rechten Fleck zurückbringen. Diese Zusage gilt, weil sie Israel gilt, daher auch unserer Kirche, und wir dürfen uns im Gebet für unsere Kirche danach ausstrecken, dass wir sie erfüllt sehen:

„Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“

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Guido Baltes
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Wöchentliche Toralesung

Korach

06.07.2019

Tora: 4. Mose 16,1-18,32

Haftara: 1. Samuel 11,14-12,22

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