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Christen "jüdischer Herkunft" im 3. Reich - Teil 2

Die Reaktion der Kirchen

 

Der Weg durch die Geschichte verlief bei beiden Kirchen unterschiedlich. In der evangelischen Kirche gab es schon seit 1932 den Block der Deutschen Christen, der sich von Anfang an einem völkischen, „positiven Christentum“ verschrieb und also durch und durch rassistisch war. Die Bekennende Kirche (BK) hat sich als Gegenbewegung zu den Deutschen Christen formiert; der darauf folgende Kirchenkampf zwischen den beiden Gruppen bezeichnet eine innerkirchliche Auseinandersetzung, ein Ringen um theologische Positionen. Die wichtigste davon war die Frage nach der Stellung der konvertierten Juden in der Kirche. Die Deutschen Christen verfochten die Ausgrenzung der Betroffenen in eigene Sondergemeinden, die Bekennende Kirche, wie auch die katholische, sprachen sich gegen eine solche Trennung aus. Inwieweit diese Position auch praktisch durchgehalten wurde, ist fraglich, da sich auch Mitglieder der Bekennenden Kirche mit Überfremdungsängsten trugen.[1]

Kirchenkampf ist auch in der Geschichtsschreibung der katholischen Kirche ein geläufiger Terminus, aber er meint hier die Aggression des nationalsozialistischen Staates gegen die Kirche, die fortschreitende Verletzung des 1933 abgeschlossenen Reichskonkordats.[2] Natürlich musste sich auch die Bekennende Kirche gegen staatlich verordneten Repressalien wehren; Kösters spricht sogar von einer „auf die Vernichtung der christlichen Kirchen zielenden Politik“.[3] Doch hatte die Bekennende Kirche mit den Deutschen Christen den Feind sozusagen im eigenen Haus.

Die Herausforderung an die Kirchen war sicher groß. Sie mussten sich gegen staatliche Übergriffe wehren und sich mit der stetig wachsenden Bedrohung für ihre Mitglieder jüdischer Herkunft umgehen.

Im folgenden werde ich die Auseinandersetzung der Kirchen mit dem Nationalsozialismus kurz skizzieren. Dabei stehen zwei Punkte im Vordergrund: das Verhalten der Kirchen gegenüber dem Staat und gegenüber den Verfolgten aus den eigenen Reihen.

 

1.   Der Kirchenkampf in der evangelischen Kirche

Der „Arierparagraph“ im „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“[4] vom 7. April 1933 wurde im Mai desselben Jahres von den Deutschen Christen mit der Absichtserklärung begrüßt, eine „deutsche Reichskirche mit „Führerprinzip““ zu schaffen.[5] Darauf bildete sich die Jungreformatorische Bewegung, die sich als Protestbewegung verstand und gegen die Gleichschaltung der Kirche opponierte, dabei aber den neuen Staat bejahte.[6] Diese Bewegung gilt zusammen mit dem Pfarrernotbund (von Niemöller und Bonhoeffer 11. September 1933 gegründet) als Vorläufer der Bekennenden Kirche, die sich im Mai 1934 mit der „Barmer Theologischen Erklärung“ eine theologische Grundlage erarbeitete. Denn schon 1933 wurden wichtige Kirchenämter wie die des Generalsuperintendanten und des Reichsbischof auf Druck der NSDAP neu besetzt und bei den kurzfristig angesetzten Kirchenwahlen am 23. Juli konnten die Deutschen Christen einen Wahlerfolg verbuchen.

Im Oktober 1934 wurde auf der zweiten Bekenntnissynode das kirchliche Notrecht ausgerufen, diesmal in Dahlem. Damit erfolgte die endgültige Trennung von den Deutschen Christen und die Bekennende Kirche war entstanden. Der Widerstand gegen die Gleichschaltung und die deutliche Abgrenzung vom Staat machte die Bekennende Kirche schon in der Barmer Theologischen Erklärung deutlich; auch das Neuheidentum lehnte man ausdrücklich ab. Doch eine klare Verurteilung der antisemitischen Politik blieb aus. Ab 1935 wurden die rassisch Verfolgten zunehmend isoliert, sogar in der Bekennenden Kirche. Pfarrer jüdischer Herkunft wurden aufgefordert, ihr Amt abzulegen oder angewiesen, Zurückhaltung zu üben.[7] Bis 1939 wurden alle aus ihrem Amt gedrängt. 

Vielfach verweigerte man den Betroffenen ein kirchliches Begräbnis oder den Konvertiten die Taufe.[8] Nach der Verhaftungswelle, die nach der Reichspogromnacht einsetzte, habe die Anglikanische Kirche sich um Freilassung und Emigration bemüht, nicht Bekennende Kirche.[9]

Doch es gab Versuche, die Bekennende Kirche in eine andere, offensivere Richtung zu lenken, die allerdings scheiterten. Ein für die Bekenntnissynode in Berlin-Steglitz im September 1935 vorgelegter Text enthielt ein explizites Bekenntnis zu Christen jüdischer Herkunft und nahm auch Juden in das Liebesgebot Christi mit ein,[10] stieß aber auf massiven Widerstand; die Passage musste herausgestrichen werden. Unter einigen Teilnehmern, die der Synode beiwohnten, stießen die kurz zuvor erlassenen „Nürnberger Gesetze“ auf Zustimmung. Der Antisemitismus war demzufolge auch unter den Bekennern verbreitet. Als im Oktober 1935 der Reichskirchenminister Kirchenausschüsse berief, die die Kirchenleitungen ersetzten sollten, war ein Teil bereit, mit diesen zusammenzuarbeiten; das besiegelte die Spaltung der Bekennenden Kirche.[11]

Der Antisemitismus ist ein Grund für die fehlende Stellungnahme, ein weiterer mag die Angst gewesen sein, durch einen solchen Vorstoß noch stärker unter den staatlichen Druck zu geraten. In der Literatur wird auch noch die theologisch begründete Staatsloyalität als Grund für das Schweigen aufgeführt; Selbst Bonhoeffer hat, zumindest noch 1933, gemeint, die Kirche dürfe sich nicht in die Angelegenheiten des Staates mischen, müsse sich aber für die Opfer einsetzten und ihrerseits gegen jeden unrechtmäßigen Eingriff des Staates aufbegehren; dazu zähle auch der Versuch der Machthaber, die Christen jüdischer Herkunft aus den Kirchen auszuschließen.[12] Erst 1943, als die Deportationen bekannt wurden, protestierte die Kirche gegen den Massenmord. 

2.   Die katholische Kirche 

 

Vertreter des Katholizismus erkannten schon recht früh die Unvereinbarkeit des Nationalsozialismus mit dem katholischen Glauben. Auf der Fuldaer Bischofskonferenz 1932 erklärte der Episkopat die rassistische Ideologie des Nationalsozialismus zur Irrlehre warnte vor dessen Herrschaft.[13] Doch als die 1933 Realität wurde, versuchte sich die Kirche damit zu arrangieren. Auch hierbei hat die Staatsloyalität eine Rolle gespielt, ferner noch das Verschwinden des politischen Katholizismus.[14]

Kardinal Bertram, der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, erließ im März 1933 eine regierungsfreundliche Kundgebung und einige Monate später, im September, kam das Reichskonkordat zustande. Mit ihm verbindet sich das „Schicksal des politischen Katholizismus, die Positionierung des deutschen Episkopats und des Vatikans [...] aber auch die Kirchenpolitik Hitlers [...].“[15]

Nach und nach verletzte der Staat die Konkordatsbestimmungen, verbot ab 1934 katholische Organisationen, der Klerus durfte fortan den Religionsunterricht nicht mehr abhalten (1935/37) und von 1936 an wurden konfessionelle Schulen geschlossen. Auch die kirchliche Presse wurde weitgehend kontrolliert.[16] Das Erscheinen der Enzyklika „Mit brennender Sorge“, die 1937 in katholischen Kirchen öffentlich verlesen wurde, musste auf heimlichen Wege gedruckt und verschickt werden.[17] Danach kam es zu Verhaftungen der Beteiligten. 

Ähnlich wie in der Bekennenden Kirche kam vor 1943[18] kein grundsätzlicher Widerstand zustande, auch hier galt die Sorge zuerst den eigenen Interessen. Das lag unter anderem an Kardinal Bertram, der mit regelmäßig Eingaben machte, um gegen bestimmte Sachen zu protestieren, diese waren aber nicht öffentlich und hatten keine Wirkung. Als sein Gegenpart galt Bischof Konrad Graf von Preysing, der schon gegen das Reichskonkordat war und eine entschiedenere Haltung von seiner Kirche forderte. Obwohl Preysing damit nicht alleine stand, galt Bertram als Autorität; der Episkopat blieb handlungsunfähig,[19]auch dann noch, als der Konflikt zwischen den beiden 1940 ausbrach, als Kardinal Bertram im Namen aller Bischöfe Hitler zum Geburtstag gratulierte. Preysing legte daraufhin sein Amt als Pressereferent der Fuldaer Bischofskonferenz nieder. Bleibt auch hier die Frage, warum ein Bekenntnis zu den verfolgten Katholiken ausblieb. Im Gegensatz zu den Protestanten war die katholische Kirche nicht so anfällig für den Antisemitismus, dieser fand keinen Eingang in „Dogma, Liturgie und Verkündigung.“[20] Als Erklärung wird die Ambivalenz-These herangezogen, die besagt, dass der rassische Antisemitismus zwar abgelehnt wurde, nicht aber der traditionelle Antijudaismus; doch Angenend weist darauf hin, dass dies alleine nicht als Erklärung ausreicht. Dabei verweist er auf die niederländischen Katholiken, die ebenfalls antijudaistische Klischees pflegten und trotzdem sofort Hilfsmaßnahmen ergriffen und selbst dann noch lautstark protestierten, als sie unter deutsche Besatzung gerieten.[21]

Eine weitere Erklärung lautet, man wollte „die noch vorhandenen kirchlichen Möglichkeiten zur Glaubensverkündigung und Sakramentspendung“[22] durch einen öffentlichen Protest nicht gefährden, genauso wenig wie die Lage der Juden.

 

3.   Bemerkungen

 

Die obigen Ausführungen zeigen, dass die Kirchen es nicht schafften, offen für die rassisch verfolgten Christen einzutreten, geschweige denn für Juden. Die Gründe dafür sind vielfältig, einige davon sind oben genannt worden. Doch muss auch hier differenziert werden zwischen der Haltung der kirchlichen Institutionen einerseits und einzelnen Personen andererseits, Menschen, die auf eigene Initiative handelten, in dieser Arbeit aber nicht berücksichtigt werden können; erwähnen will ich nur die Gruppe um Franz Kaufmann, die Juden wie rassisch Verfolgten Christen den Weg in den Untergrund ebneten und als „mündige Christen und Bürger“ handelten.[23]

Doch auch wenn die Kirchen lange nicht nach außen hin auftraten, schufen oder unterstützen sie Organisationen, die den Verfolgten karitativ halfen, oder deren Auswanderung organisierten. Diese Hilfseinrichtungen sind das Thema der nächsten Kapitel.



[1]   Benz, Judenchristen, S. 311f.

[2]   Zur Verwendung des Begriffs siehe Kösters, Katholische Kirche im nationalsozialistischen Deutschland, in: Bendel [Hrsg.], Die katholische Schuld?, S. 26.

[3]   Ebd., S. 40.

[4]   Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (07.04.1933), in: documentArchiv.de [Hrsg.], URL: http://www.documentArchiv.de/ns/beamtenges.html, Stand: 26. 09. 2008.

[5]   Roggelin, Franz Hildebrandt, S. 51.

[6]   Ebd.

[7]   Büttner, Greschat, Die verlassenen Kinder, S. 48f.

[8]   Ebd. S. 52.

[9]   Büttner, Greschat, Die verlassenen Kinder, S. 53.

[10]Roggelin, Franz Hildebrandt,  S. 94f.

[11]Ebd., S. 96.

[12]  Bonhoeffer, Die Kirche vor der Judenfrage, Vortrag vom April 1933; aus: Angenend, Toleranz und Gewalt, S. 556.                                                                                                             

[13]Morsey, Die katholische Volksminderheit, in: Bendel, S. 49.

[14]Kösters, Katholische Kirche, in: Bendel, S. 24

[15]Ebd. S. 25.

[16]Ebd., S. 26.

[17]   Ebd. S. 177.

[18]Da kam es zur Veröffentlichung des Hirtenbriefs „Zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker“

[19]Leichsenring, 57f.

[20]Angenend, S. 555.

[21]Ebd., 553.

[22]Repgen, Judenpogrom, Rassenideologie und Kirche im Jahre 1938, in: Bendel, S. 70.

[23]Über Kaufmann liegt eine Monographie vor: Rudolph, Hilfe beim Sprung ins Nichts. Franz Kaufmann und die Rettung von Juden und  „nichtarischen“ Christen, Metropol, Berlin: 2005.

 

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