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Christen "jüdischer Herkunft" im 3. Reich - Teil 1

Als 1935 das nationalsozialistische Weltbild eine legislative Grundlage erhielt, hatte dies auch Konsequenzen für eine nicht geringe Anzahl von Christen. Katholiken und Protestanten, deren Eltern oder Großeltern jüdischen Glaubens waren, Menschen, die sich häufig einer jüdischen Vergangenheit nicht bewusst waren, wurden nun damit konfrontiert. Das es den Machthabern nicht um konfessionelle Unterscheidungen sondern um Rassismus ging, vor dem der Übertritt zu christlichen Konfessionen eben nicht schützen konnte, mussten sie am eigenen Leib erfahren. Betroffen waren etwa 350.000 – 400.000 Personen, zweidrittel Protestanten (die Zahl schließt „arische“ Ehepartner und Familienangehörige mit ein).[1]

Juden konvertierten aus verschiedenen Gründen: aus religiöser Überzeugung, weil man einen christlichen Ehepartner heiratete, oder auch aus Opportunismus, da die Gesellschaft die Versprechen der Aufklärung auch im 20. Jahrhundert nicht einhalten konnte. Man denke da an die „Judenzählung“ im Oktober 1916. Diese eindeutig antisemitische Maßnahme zielte darauf ab, Juden als Feiglinge hinzustellen und ihnen jeden Patriotismus abzusprechen, im kriegsbegeisterten Kaiserreich ein zentraler Wert. Die Ergebnisse wurden zwar nicht publiziert, denn sie bewiesen im Gegenteil eine hohe Beteiligung jüdischer Soldaten am Krieg, dennoch fiel die Propaganda auf fruchtbaren Boden.

 

Nach 1933 spielte sicher auch die Hoffnung eine Rolle, durch die Taufe vor der Verfolgung gefeit zu sein; jedenfalls konnte im Jahr 1935 ein Anstieg von Konversionen verzeichnet werden.[2] 

Die Literatur, die sich mit dem Thema „rassisch verfolgte Christen“ beschäftigt, richtet ihre Fragen weitgehend an die Kirchen. Das ist auch nicht weiter überraschend, handelt es sich doch bei den Verfolgten um Angehörige der beiden Konfessionen. Ihre Ergebnisse sind ernüchternd:

Keine der beiden Kirchen schafften es, sich eindeutig gegen das Unrechtsregime zu positionieren, geschweige denn sich für die verfolgten Christen einzusetzen. Die berühmte „Barmer Theologische Erklärung“[3] aus dem Jahr 1934 beispielsweise wies unzulässige Eingriffe des Staates in ihre Angelegenheiten zurück, sagte aber nichts zur alltäglich gewordenen Diskriminierung der Juden oder der so genannten „nichtarischen“ Christen. 

Ähnlich ist der Befund für die katholische Kirche, erst 1937 wurde die Enzyklika „Mit brennender Sorge“[4] verlesen, die den Rassismus zwar ausdrücklich brandmarkt, aber keine explizite Stellungnahme zur deutschen Judenpolitik abgibt; dennoch sei hinzugefügt, dass es in der Zeit des Nationalsozialismus einiges an Mut brauchte, Rassismus mit derart deutlichen Worten zu verurteilen.

 

1. Terminologie

 

Wie Katrin Rudolph[5] in ihrer Einleitung schreibt, muss man sich bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema der „Sprache der Täter“ bedienen. Denn plötzlich galten nicht nur die als Juden, die sich selbst dieser Religion oder Gruppe zurechneten, sondern ausnahmslos jeder, der jüdische Vorfahren hatte oder eben konvertierte. Die rassistische Vererbungslehre schuf Klassifizierungen wie „Halb- und Vierteljude“ oder „Vollnichtarier“. Verschiedene Bezeichnungen haben sich in der Literatur eingebürgert: Christen jüdischer Herkunft, eine Selbstbezeichnung, im Zusammenhang mit „rassisch Verfolgte“[6]; der Begriff „Judenchristen“ wird ebenfalls verwendet[7], ist aber schwierig, da er vor allem zur Unterscheidung von den „Heidenchristen“ in der neutestamentlichen Wissenschaft angewandt wird.

Außerdem hat er einen starken Bezug zur „Judenmission“, die heute von der Mehrheit der christlichen Theologen abgelehnt wird, auch unter dem Eindruck der Nationalsozialismus. In seinem Briefwechsel mit dem Theologen Eugen Rosenstock, der 1906 konvertierte, lehnt der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig diesen Terminus auch vehement ab. Für ihn ist er schlicht ahistorisch.[8]

Bleibt noch die Bezeichnung „Nichtarier“ in all seinen Formen, der ebenfalls von den Betroffenen benutzt wurde („Reichsverband der nichtarischen Christen“). Trotzdem bleibt da ein negativer Beigeschmack, da er sich an die nationalsozialistische Rassenlehre anschließt. Deswegen werde ich versuchen, diesen Ausdruck zu vermeiden.

Doch eigentlich haben alle diese Bezeichnungen einen Makel und das offenbart die künstliche Konstruktion der Gruppe rassisch verfolgter Christen. Denn um die „Rasse“ festzustellen, musste man erst die Religionszugehörigkeit der Eltern oder Großeltern feststellen; eine innere Logik sucht man vergebens.

 

2. Das Selbstverständnis der Christen jüdischer Herkunft und die Reaktion auf die veränderte Lage

 

Die meisten Christen jüdischer Herkunft waren im damaligen Sprachgebrauch „Mischlinge“, das heißt, sie hatten mindestens zwei jüdische Großeltern. Andere, die mindestens drei jüdische Großeltern hatten, galten als Juden. Doch waren sie oft mit „arischen“ Partnern verheiratet und damit bis zu einem gewissen Grad geschützt.[9]

Sie waren assimiliert, verstanden sich als Deutsche, genau so wie auch viele Juden; doch darüber hinaus gehörten sie noch christlichen Konfessionen an. Es handelte sich nicht um eine Gruppe, die durch bestimmte Kriterien als solche definiert wird, seien es religiöse, soziale oder politische, und damit auch keine Gruppe, die ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl hatte, da sie sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft verstand.[10] Dazu wurden sie erst 1933 aufgrund von Rassengesetzen.

Wie Ursula Büttner[11] schreibt, fühlten viele dieser Christen sich „gewaltsam einer Gruppe zugeordnet, mit der sie weder etwas zu tun hatten, noch haben wollten.“ Sie zitiert aus dem Tagebuch einer Betroffenen: „Wir leiden mit um Menschen, mit denen wir nie etwas zu tun hatten, mit denen uns nichts verbindet.“[12]

Von Anfang an waren die Christen jüdischer Herkunft mit betroffen. Alle diskriminierenden Maßnahmen betrafen auch sie. Dadurch wurden sie immer mehr isoliert und von der Mehrheitsgesellschaft abgetrennt.

Erfahrungen der Ausgrenzung machte auch der Pädagoge Rudolf Lennert; er erfuhr erst 1915, mit zehn Jahren, von seinem jüdischen Großvater väterlicherseits, weil seine Mutter sich vor der „Klischee“ fürchtete.[13] In seinem Erinnerungen schreibt Lennert von einer „Scheidewand“, die ihn von den „Normalen“ trennte; Kontakt habe er nur Familie oder zu Menschen gehabt, die „am Rande der Gesellschaft standen“[14]

Die Reaktionen von Katholiken und Protestanten auf die rassische Verfolgung unterschieden sich von einander. Erstere konnten sowohl die katholische als auch die deutsche Identität weitgehend erhalten; bei vielen Protestanten kam es zur „Entwertung“ dieser Bindungen.[15] „Daher versuchten viele, ihre deutsche Identität dadurch zu erhalten, daß sie einerseits nicht gegen das Rassenmodell opponierten, andererseits jedoch die „Rassemischung“ als „Veredelung“ begriffen. [...] Die Protestanten hielten ihre konfessionelle Identität aufrecht, indem sie der Fiktion abhingen, daß die „Bekennende Kirche“ die eigentliche Mehrheit [...] der evangelischen Kirche repräsentierte[...].“[16] Andere wiederum hätten mit Hass auf Juden reagiert. Im Umkehrschluss kann man sagen, dass der Kirchenkampf, der die deutschen Protestanten in zwei große Lager spaltete, eine ebensolche Wirkung auf ihre rassisch verfolgten Mitglieder hatte. 

Aus der Studie geht auch hervor, dass es altersspezifische Verhaltensmuster gegeben hat. Während obiges Verhalten besonders diejenigen charakterisiert, die 1933 bereits erwachsen gewesen waren, haben Menschen, die zu dem Zeitpunkt zwanzig und jünger waren, verschiedene, miteinander konkurrierende Identitätsmodelle entwickelt. Zum Beispiel ist erzählten Interviewpartner aus dieser Gruppe, dass sie, obwohl protestantisch, an jüdischen Feiertagen die Synagoge besuchen. Oberlaender schreibt: [...] es kann auch als gesunde Verarbeitungsstruktur, wenn man in eine vielschichtige Welt hineingeboren wird.“[17]



[1]   So die Angabe in Büttner, Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche. Benz kommt in seinem Buch „Judenchristen“ auf eine weit geringere Zahl, 116 000 im Jahr 1933, ohne Ehepartner und Familienangehörige.

[2]   Leichsenring, Die katholische Kirche und „ihre Juden“, S. 30, Anm. 7.

[3]   Der genaue Wortlaut der sechs Thesen findet sich auch auf der Seite der Evangelischen Kirche Deutschlands; http://www.ekd.de/bekenntnisse/142.html

[4]   http://www.stjosef.at/dokumente/mit_brennender_sorge.htm; entnommen aus: 

           AAS 39 (1937) 145-167; Utz, v. Galen, [Hrsg.] Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Aachen 1976, II 167-219. 

[5]   Rudolph, Hilfe beim Sprung ins nichts, S. 14.

[6]   So Rudolph in ihrem Buch „Hilfe beim Sprung ins nichts“, aber auch Leichsenring.

[7]   Siehe Büttner, Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche, oder Benz, Judenchristen. Hier versucht er sich an einer „Ehrenrettung“ des Begriffs „Judenchristen“: „Angesichts der stillschweigenden Übernahme nationalsozialistischer Sprachregelungen [...]die den diskriminierten Personenkreis bald ganz allgemein zu „Nichtariern“ machte, scheint das Plädoyer für den Ausdruck „Judenchristen“ notwendig. Immerhin weist er auf die spezifischen Probleme der Gruppe hin und macht sich nicht die völkisch-rassistische Nomenklatur des Nationalsozialismus zu eigen.“, S. 309. 

[8]   Briefwechsel Rosenzweig-Rosenstock

[9]   Vuletić, Christen jüdischer Herkunft im dritten Reich, S. 8.

[10] Oberlaender, Wir aber sind nicht Fisch und nicht Fleisch., S. 11f.

[11] Büttner, Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche, 26.

[12] Tagebucheintrag von Marie-Luise Solmitz, vom 16.06.1938, FZH: II/S 12. Zitiert nach Büttner, Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche, S. 28.

[13] Lennert, Zugehörigkeit, Selbstbewusstsein, Fremdheit, S. 383; in: Becker u.a. [Hrsg.], Neue Sammlung.

[14] Lennert, Zugehörigkeit, Selbstbewusstsein, Fremdheit, S. 393.

[15] Vuletić, Christen jüdischer Herkunft im Dritten Reich, S. 7; diese Schlussfolgerungen basieren auf zwei Untersuchungen von Franklin. A. Oberlaender, Zur Problematik der Identität christlicher Deutscher jüdischer Herkunft während und nach dem Nationalsozialismus und zur Identitätsentwicklung ihrer nach 1945 geborenen Kinder: eine sozial-psychologische und empirische Forschungsarbeit auf fallkonstruktiver Grundlage, FU-Diss. Berlin, 1993; und ders., Wir aber sind nicht Fisch und nicht Fleisch, christliche Nichtarier und ihre Kinder in Deutschland, Lesker und Budrich, Opladen: 1996.

[16]         Ebd.

[17] Oberlaender, Wir aber sind nicht Fisch und nicht Fleisch, S. 333.

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