Ignatz Lichtenstein

Rabbi Ignatz Lichtenstein – Grenzgänger zwischen Judentum und Christentum

„Warum ich ein Jude – ein Rabbiner bin und dennoch Christus verherrliche?“ fragt Ignatz Lichtenstein in seiner zweiten Broschüre, überschrieben mit „Mein Zeugnis“, um dann weiter fortzufahren: 

 

„Wohl, ein Priesterreich, ein heiliges Volk ist Israel; und wie die Sonne ihr Licht ausströmt und alle Planeten beleuchtet, also ist Israel das lodernde Feuer im Dornbusche, ... welches alle heiligen Flammen nährt, das kleine Lichtlein, womit die großen Lichter angezündet wurden.“

 

Dieser Rabbiner, dessen Name manchmal auch mit Isaac wiedergegeben wird und der an dieser Stelle seine Hinwendung zu Christus kühn mit der Erwählung Israels begründet, sollte zeit seines Lebens seine jüdische Identität verteidigen und bewahren. Forderungen, sich entweder auf die eine oder die andere Seite zu schlagen, wies er entschieden zurück.

1. Die Bekehrung

Geboren am 9. April 1825 in Senica, Ungarn, bekleidete er wohl seit 1845 das Amt eines Rabbiners in der Tápiószele, einer Kleinstadt östlich von Budapest. In den 80ern erschütterte eine antisemitische Welle Ungarns Juden. 1882, drei Tage vor Pessach, verschwand in der Gemeinde Tiszaeszlárein 14-jähriges christliches Mädchen und schnell kam das Gerücht auf, sie sei einem Ritualmord, begangen von ansässigen Juden, zum Opfer gefallen. Obwohl sich diese Vorwürfe als haltlos erwiesen und der Tod des Mädchens restlos aufgeklärt werden konnte, ließ sich das Gerücht selbst nicht wieder einfangen und bot Anlass für antisemitische Aggressionen weit über den Ort des Geschehens hinaus. Lichtenstein verfolgte die Berichterstattung, das wird aus seinen Schriften deutlich. In dieser Zeit las er auch Texte von Franz Delitzsch, in denen der deutsche Theologe sich scharf gegen den Antisemitismus seiner Zeit wandte. Davon tief beeindruckt, nahm Lichtenstein zum ersten Mal das Neue Testament in die Hand und las, zögerlich zunächst, doch dann mit immer größerem Eifer, denn

 

„ ... eine neue Welt, eine helle, nie geahnte Morgenröthe zeigte sich meinem schmachtenden Blicke; mein Geist ward heiter, mein Gemüth vom Himmelsthau erfischt, ich sah mit meinen Augen eine junge Sonne, wie sie strahlend aus dem Meere steigt, hörte mit meinen Ohren Christus’ göttliche, sanfte, belehrende, warnende Stimme: „Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. ...“ (Matth. 7,15ff.)                                     (Liebe und Bekehrung, Heft III, S. 20)

 

Seine Entdeckung behielt der Rabbiner erst einmal für sich; doch nach und nach machte sich der Einfluss des Neuen Testaments in seinen Predigten bemerkbar, auch wenn er darauf verzichtete, den Namen Jesus zu erwähnen. Erst zwei Jahre später, im Jahre 1885, bekennt er sich vor seiner Gemeinde zu Jesus als dem Messias Israels. 

2. Der christliche Rabbi

In der Folge (1885/86) veröffentlicht Lichtenstein kurz hintereinander drei Hefte, beginnend mit einer Verteidigungsschrift des Talmuds. Pointiert deckte er die Doppelmoral christlicher Talmudkritik auf, um sich seinerseits in einer fairen und differenzierten Betrachtung desselben zu versuchen. Seine Worte sind geprägt von großer Achtung gegenüber der rabbinischen Tradition wie auch dem jüdischen Religionsgesetz, dem er sich auch weiterhin verpflichtet fühlt. Während dieser Text weitgehend unbeachtet blieb, schlug sein zweites Heft, Mein Zeugnis, hohe Wellen. Die Reaktionen auf sein öffentliches Bekenntnis zu Jesus und seine Verteidigung der Konversion zum Christentum fielen gleichwohl unterschiedlich aus: Während seine Gemeinde weiterhin an ihm festhielt, versuchte der Oberrabinner von Budapest zunächst mäßigend auf Lichtenstein einzuwirken; er bat ihn, den Vertrieb der Hefte einzustellen. Als dieser darauf nicht einging, forderte er, Lichtenstein möge sein Amt aufgeben und sich als Christ taufen lassen. Der Geschmähte tat weder das eine noch das andere. Noch bis 1892 stand er seiner Gemeinde als Rabbiner vor. Sein unerhörter Schritt stieß auch außerhalb Ungarns auf Resonanz. So forderte der Redakteur einer österreichisch-jüdischen Wochenzeitung Lichtensteins Ausschluss aus der jüdischen Gemeinde.

3. Der jüdische Jesusfreund

Von christlicher Seite gab es ähnliche Versuche, Lichtenstein zu mehr Eindeutigkeit zu bewegen. So blieb die Tauffrage ein zentraler Streitpunkt. Der Rabbiner lehnte es ab, sich taufen zu lassen, denn er befürchtete, dass dieser Schritt ihn von der jüdischen Gemeinde vollends trennen würde. Dies hätte jedoch seiner Berufung, als Jude das Licht in die Welt hinauszutragen, widersprochen. Diese Entscheidung stieß auf Kritik auch seitens seiner christlichen Freunde, aber auch anderer jesusgläubiger Juden. Dennoch hielt Lichtenstein zeitlebens daran fest. Auch schloss er sich nach dem Ende seines Dienstes als Rabbiner keiner Kirche an, sondern blieb weiterhin Teil der jüdischen Gemeinde. Einzig an den hebräischen Gottesdiensten in der Free Church of Scotland in Budapest nahm er regelmäßig teil und bereicherte sie, wie ein Freund von ihm schrieb, mit seinen Einsichten. Nach seinem Tod am 16. Oktober 1908 wurde der kontroverse Rabbi auf einem jüdischen Friedhof als Jude begraben.

4. Was am Ende bleibt

Für Ignatz Lichtenstein war es kein Widerspruch, zugleich Jude und jesusgläubig zu sein. Beides war ihm Herzensangelegenheit und beides hielt er in seinem Leben hoch. Er war ein Grenzgänger in einer Zeit, die diesen neuen Weg noch gar nicht denken konnte. Als Zeuge eines wachsenden Nationalismus und Antisemitismus zog er es vor, bei seinem Volk zu bleiben und fand eine Begründung dafür gerade im Evangelium. Um mit seinen eigenen Worten zu schließen:

 

„Und endlich, meine Theuern!  So wie der Jude als auserwähltes Volk, das Gesetz von Sinai empfangen, es freudig, kühn, ausdauernd durch alle Völker, Länder und Welttheile getragen, mit seinem Leben, mit seinem warmem Herzensblute den alten Bund besiegelt hat; also wiederholet zum zweitenmal: Alles, was Gott gesprochen, wollen wir thun und befolgen. Wollen mit neuem Leben, mit neuem Streben, wollen fest, unerschütterlich, ohne Trug, ohne Falsch, mit Leib und Seele, mit Herz und Geist, mit Jubel und Begeisterung mit unserem semitischen, abramitischen Blute mit dem Blute Jesus, aus dem königlichen Stamme David’s mit der Devise: Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einiger Gott --- und: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst, einziehen in den neuen Bund, denn sein Joch ist leicht, seine Last ist sanft und seine Dornkrone – die Liebe.“                                     (Liebe und Bekehrung, Heft III, S. 28)

Literatur

Lichtenstein, Ignatz, Der Talmud auf der Anklagebank durch einen begeisterten Verehrer des Judenthums.Heft I, Budapest 1886.

Ders. Mein Zeugnis.Heft II, Budapest: Hornyánszky, 1886.

Ders. Die Liebe und die Bekehrung. Heft III, Budapest 1886.
Lillevik, Raymond, Apostates, Hybrids, or True Jews? Jewish Christians and Jewish Identity in Eastern Europe 1860-1914, Pickwick, Eugene, Oregon 2014, S. 142-173.

Kjær-Hansen, Kai, Isaac Lichtenstein. A Jesus-Believing Hungarian Rabbi, lcje.net/papers/2007/intl/Hansen5.doc

Parascha - Toralesung

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