Juden, die an Jesus glauben - Geschichte und Gegenwart

Mit freundlicher Genehmigung der Evangelischen Sammlung in Württemberg drucken wir diesen Artikel von Professor Dr. Rainer Riesner ab. Prof. Riesner lehrte Neues Testament an der Universität Dortmund und leitet jetzt die internationale Doktorandenarbeit des Albrecht-Bengelhauses in Tübingen. Er ist ein engagierter Unterstützer der Messianischen Juden. 

 

1. Paulus und Israel 

„Siehe, ich Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen!“ – so schrieb der Apostel an die Gemeinden im südlichen Teil der römischen Provinz Galatien (Galater 5,2). Seit Mitte der 40er Jahre des 1. Jahrhunderts gab es eine erstarkende zelotische Bewegung. Ihre Gewalt richtete sich nicht nur gegen die römische Besatzungsmacht, sondern auch gegen solche, die man als abtrünnige Juden ansah. Das wurde zur Gefahr für jene an Jesus gläubigen Juden, die in Gemeinschaft mit Heidenchristen standen. Deshalb kamen Abgesandte der Jerusalemer Urgemeinde in die gemischte Gemeinde von Antiochien, um die Tischgemeinschaft zwischen beiden Gruppen zu beenden (Galater 2,11-13). Die Gefahr für die jüdischen Jesus-Gläubigen hätte auch aufgehört, wenn Heidenchristen durch Beschneidung Proselyten und damit Juden geworden wären. Dafür warben judenchristliche Lehrer in Galatien. Sie versprachen sicher auch, dass
der Anschluss an das Gottesvolk Israel
die Teilhabe am Heil besonders sicher machen würde. Das traf auf den scharfen Widerstand des Paulus. Heiden müssen nicht erst Juden werden und die ganze Torah halten, um Christen zu sein: „Der Mensch wird nicht durch Werke des Gesetzes gerecht, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Galater 2,16). Auf der Apostelversammlung 48 n.Chr. in Jerusalem wurde diese Sicht angenommen. Das entscheidende Wort für die Einheit des Gottesvolkes aus Juden und Heiden sprach der Herrenbruder Jakobus als der angesehene Führer der torahtreuen Judenchristen (Apostelgeschichte 15,13-21). Rund ein Jahrzehnt später stand Paulus vor einer ganz anderen Herausforderung. Nach dem Apostelkonzil hatte die Heidenmission einen deutlichen Aufschwung genommen. Auch in der Reichshauptstadt Rom gab es große heidenchristliche Hausgemeinden. Nach der zeitweisen Vertreibung der Juden durch Claudius (Apostelgeschichte 18,2) waren die jüdischen Gläubigen dort nur noch eine Minderheit. In Rom gab es einen starken Antisemitismus[1]. Heidenchristen standen in der Gefahr, sich entweder von den Judenchristen zu distanzieren oder sie von einer jüdischen Lebensweise abzubringen. Deshalb musste Paulus 57 n. Chr. in seinem Brief nach Rom umgekehrt deutlich machen, dass jüdische Menschen nicht heidnisch zu leben brauchen, um Jesus-Gläubige zu sein (Römer 14,1-15,12). Im Dienst der Einheit der Kirche aus Juden und Heiden stand auch die Kollekte, die Paulus in seinen heidenchristlichen Gemeinden für die verarmte Urgemeinde sammelte. Für diese Einheit war er sogar bereit, in Jerusalem sein Leben zu riskieren (Römer 15,25-31). Auf Rat des Jakobus übernahm Paulus dort die Kosten für judenchristliche Nasiräer, um zu zeigen, dass er „die Juden, die unter den Heiden wohnen, nicht den Abfall von Mose lehrt und sagt, dass sie ihre Kinder nicht beschneiden sollen“ (Apostelgeschichte 21,21). Diese versöhnliche Geste führte dazu, dass Paulus im Tempel verhaftet wurde und letzten Endes das Martyrium erlitt. 

 

2. Nazoräer, Ebioniten und Heidenchristen 

Leider ist die Mehrheit der Heidenchristen dieser Haltung des Paulus bald untreu geworden. Dabei wirkten wie oft in der Kirchengeschichte theologische und politische Faktoren zusammen. Bar Kochba hat bei seinem messianischen Aufstand (132-135 n. Chr.) die Judenchristen verfolgt. Trotzdem war für Heidenchristen die Versuchung groß, sich als loyale römische Staatsbürger von allem zu distanzieren, was jüdisch aussah. Um die Zeit des Aufstandes erschien eine einflussreiche und schroff antijüdische theoogische Abhandlung, der „Barnabas-Brief“, der allerdings mit dem neutestamentlichen Barnabas nichts zu tun hat. Das Judenchristentum wurde auch durch eine innere Krise geschwächt. Einige Gruppen lehnten Paulus ab und sahen in Jesus nur einen Propheten. Andere öffneten sich der synkretistischen Bewegung der Gnosis. Diese häretischen Judenchristen fasst man unter dem Namen „Ebioniten“ zusammen. Das bedeutet „die Armen“, weil sie wohl unter essenischem Einfluss auf Besitz verzichteten.  Daneben gab es aber auch jüdische Gläubige, die in Jesus den Gottessohn sahen und an der Gemeinschaft mit den Heidenchristen festhalten wollten. Sie nannten sich wie schon die torahtreuen Mitglieder der Jerusalemer Urgemeinde „Nazoräer“ (Apostelgeschichte 26,9).[2] Die jüdischen Gläubigen in der griechischsprachigen Diaspora gingen bald in den heidenchristlichen Gemeinden auf. Die Nazoräer konnten sich in Galiläa, der Batanäa und Syrien noch länger halten. Durch Epiphanius von Salamis und Hieronymus sind sie bis ins 4. und 5. Jahrhundert hinein bezeugt. Leider warfen ihnen diese Kirchenväter aber im Gegensatz zu Paulus ihre jüdische Lebensweise vor und sahen sie nicht als wirkliche Gläubige. Letzte Reste der Nazoräer sind wohl im 7. und 8. Jahrhundert zusammen mit vielen Heidenchristen vom Islam absorbiert worden. Über die syrische Kirche, in der viele judenchristliche Traditionen weiterwirkten, wurde die Bezeichnung „Nazoräer“ im Arabischen als „Nasrani“ zum Namen für alle Christen. Häretische Ebioniten zogen sich an den Rand der Arabischen Wüste zurück und beeinflussten dort neben nestorianischen Christen Mohammed. Jesus nur als Prophet und die Leugnung seiner Kreuzigung im Koran sind ein ebionitisches Erbe. Adolf Schlatter hat gefragt, ob die Entstehung des Islam nicht auch ein Preis dafür war, dass die Großkirche die Judenchristen ausstieß.[3]

 

3. Staatskirchen und Judenverfolgung 

Nach der Konstantinischen Wende (313) kam es zu einer immer engeren Verbindung von Staat und Kirche. Durch Reformen wie die Einführung der Sonntagsruhe oder die Abschaffung der Gladiatorenspiele konnte die Reichskirche humanisierend wirken. Auf anderen Gebieten ließ sie sich aber allzu sehr auf die Interessen des Staates ein. Es herrschte zwar nicht die ganze Zeit Judenverfolgung und es gab auch Phasen größerer Toleranz, aber aufs Ganze gesehen war das Verhalten sowohl der byzantinischen Reichskirche wie auch das der späteren Papstkirche beschämend. Umso erstaunlicher ist es, dass selbst in den Zeiten von Diskriminierung und Verfolgung einzelne jüdische Menschen sich nicht gezwungen, sondern freiwillig dem Glauben an Jesus zuwandten.[4] Die Anziehungskraft seiner Person wirkte in diesen Fällen stärker als die Sünden der Christen. Mit Petrus Pierleoni (1090-1138) gab es als Aneklet II. sogar einen jüdischstämmigen Papst. 

In seiner Frühschrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) schlug Martin Luther ungewöhnlich judenfreundliche Töne an. Manche Rabbiner sahen in ihm schon einen von Gott gesandten neuen Kyros (vgl. Jesaja 44,28ff). Aber aus Enttäuschung über die ausgebliebene Bekehrung der Juden ließ sich der Reformator in seinen Spätschriften (1543) zu antijüdischen Ausfällen hinreißen, die dann im rassischen Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts schrecklich nachwirkten. So forderte er, die Juden aus christlichen Ländern zu vertreiben. Immerhin mahnte Luther, über die Zerstörung Jerusalems nicht nur als Gericht an den Juden zu predigen, sondern auch als Bußruf für die Christen, dass ihnen nicht Ähnliches geschähe. 

 

4. Pietismus und Judenmission 

Durch den Aufbruch des Pietismus kam es zu einer Wende im Verhältnis gegenüber den Juden.[5] Philipp Jakob Spener erwartete in seiner Programmschrift „Pia desideria“ (1675) nicht nur in Zukunft die Bekehrung ganz Israels, sondern zog daraus auch die Konsequenz für die Gegenwart, dass man Juden menschlich behandeln solle. Für den Theologieprofessor Johann Christoph Wagenseil (1633-1705), den Verfasser projüdischer Verteidigungsschriften, war die Erneuerung des Christentums Vorbedingung einer glaubwürdigen Judenmission. Wagenseil stand in freundschaftlichem Kontakt mit dem Amsterdamer Rabbiner Menasse Ben Israel. Zu den erfreulicheren Seiten der Herrschaft von Oliver Cromwell gehörte es, auf Fürsprache dieses Gelehrten den Juden erneut die Ansiedlung in England zu erlauben (1655). Aufgrund ihrer Verankerung im Neuen wie im Alten Testament erwarteten die Puritaner (englische Reformierte) nicht nur die endzeitliche Bekehrung Israels, sondern auch die Wiederherstellung seiner Staatlichkeit im verheißenen Land. Die theologische Fakultät in Halle, die damals unter pietistischem Einfluss stand, veröffentlichte eine Reihe von Gutachten zum Schutz von Juden. Nikolaus von Zinzendorf war als Bahnbrecher einer kultursensiblen Mission seiner Zeit weit voraus. Seine Sendboten wirkten unter Juden in Böhmen und Holland. 1741 wurde die Fürbitte für alle Juden in das sonntägliche Gebet der Herrnhuter Brüdergemeine aufgenommen. 

Johann Heinrich Callenberg, Nachfolger August Hermann Franckes, gründete auf Anregung Wagenseils 1728 in Halle ein Institutum Judaicum. Es wurde zum Vorbild für das berühmte Leipziger Institut, an dem der große Alttestamentler Franz Delitzsch (1813-1890) wirkte, der auch eine hochwertige Übersetzung des Neuen Testaments ins Hebräische schuf. Diese Einrichtungen standen zwar im Dienst der Judenmission, aber die nachbiblische jüdische Literatur wurde keineswegs nur in polemischer Absicht erforscht. Man suchte vielmehr Anschluss an theologische Vorstellungen der Rabbinen, um Jesus als jüdischen Messias zeigen zu können. In Leipzig lehrten von Anfang an auch jüdische Dozenten. Das Wort „Judenmission“ ist heute ein Reizbegriff. Aber auch ihre Gegner sollten anerkennen, dass friedliches Bemühen um die Gewinnung jüdischer Menschen nicht auf eine Stufe mit mittelalterlichen Scheindisputationen und Zwangstaufen gestellt werden sollte.[6] Hermann L. Strack (1848-1922), Begründer des Berliner Institutum Judaicum, war einer der wenigen evangelischen Theologen, die aktiv den Antisemitismus bekämpften. Er wandte sich gegen den Hofprediger Adolf Stoecker, dessen antikapitalistisch-antijüdischen Polemik leider in manchen pietistischen Kreisen Gehör fand. Strack schrieb auch eine Widerlegung der gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“, die heute unter europäischen Rechtsradikalen erneut als Beleg für ein angebliches Streben nach jüdischer Weltherrschaft kursieren. 

 

5. Jüdische und hebräische Christen 

Im 19. Jahrhundert erwachte die Frage, ob sich Gläubige jüdischer Abkunft in die bestehenden Konfessionskirchen integrieren oder eine besondere Stellung darin einnehmen sollten. Während die Mehrheit die völlige Integration als jüdisch stämmige Mitglieder vorzog, bildeten andere, die ihre Herkunft auch als theologisch bedeutsam ansahen, „Hebräische Allianzen“ innerhalb der protestantischen Kirchen.
Eine besonders bemerkenswerte
Gestalt auf der Suche nach dem richtigen Ort für jüdische Gläubige war Paul Philipp Levertoff (1878-1954). Er wurde in einer chassidischen Familie in Weißrussland geboren und besuchte dort eine berühmte Jeschiwa, also eine Talmud-Hochschule. 1895 bekehrte er sich zu Jesus, hörte aber nie auf, seine jüdischen Wurzeln ernst zu nehmen. Levertoff studierte evangelische Theologie und wurde Dozent am Leipziger Institutum Judaicum Delitzschianum. Nach dem Ersten Weltkrieg wirkte er in der englischen Judenmission, wobei er als anglikanischer Priester die Liturgie ins Hebräische übersetzte. Wie seine Tochter Denise, die in den USA eine bekannte Schriftstellerin wurde, in einem anrührenden Gedicht schildert, tanzte Levertoff am Tag vor seinem Tod aus Freude über Jesus als seinen Messias einen chassidischen Tanz seiner Jugend.[7]

 

6. Messianische Juden 

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden vor allem in Russland und Palästina Gruppen von jüdischen Jesus-Gläubigen, die einen eigenständigen Weg neben den protestantischen Konfessionskirchen gehen wollten. Auf diese Gruppen kann man die später entstandene Selbstbezeichnung „Messianische Juden“ rückwirkend anwenden. Dieser Begriff bringt einmal zum Ausdruck, dass sich solche Gläubige nicht bloß im ethnischen Sinn als jüdisch verstehen wollen, sondern weiter als Teil des Bundesvolkes Israel. Zum anderen sehen sie in Jesus vor allem den im Alten Testament verheißenen Messias und möchten ihn so ihren jüdischen Mitbrüdern und Mitschwestern nahebringen, während sie den Begriff „Christen“ als historisch belastet ansehen. Von der Schoa, der nationalsozialistischen Judenvernichtung, waren die Jesus-Gläubien genauso betroffen wie alle übrigen Juden. Judenmissionarische Organisationen haben sich an der Unterstützung und Rettung der Verfolgten beteiligt. 

So wie die Schoa ein schrecklicher Aderlass auch für die jüdischen Jesus-Gläubigen war, so bedeutete die Staatsgründung Israels 1948 langfristig für sie ebenfalls eine Wende. Juden und Christen begannen zu fragen, ob dieses Ereignis nicht ein Zeichen der bleibenden Treue Gottes zu seinem Volk sei. Zwei Entwicklungen trugen dann dazu bei, dass die Zahl jüdischer Jesus-Gläubiger zunahm. Im Zusammenhang und als Reaktion auf Studentenrevolte und Hippies entstand während der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in den USA die Jesus-People-Bewegung. Sie erfasste auch jüdische Jugendliche und es entwickelten sich daraus Organisationen wie die „Jews for Jesus“. Starken Eindruck erweckte 1967 der Sieg Israels im Sechs-Tage-Krieg, der fast das ganze verheißene Land unter seine Kontrolle brachte. Heute zählen die messianischen Juden in den USA nach Zehn- tausenden. Auch in Israel selbst gibt es inzwischen einige tausend an Jesus gläubige Juden.[8] Ihre kulturellen Hintergründe reichen von einheimischen Sabras über amerikanische und russische Einwanderer bis hin zu äthiopischen Falaschas. Von den mehrheitlich säkularen Mitbürgern werden die messianischen Juden eher positiv wahrgenommen, während sie durch ultra-orthodoxe Kreise manche Diskriminierung erfahren. 

 

7. Völkerchristen und messianische Juden heute 

Während es nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland nur einige versprengte jüdische Jesus-Gläubige gab, begann sich die Situation seit den 80er Jahren zu ändern. Die Sowjetunion erlaubte zunehmend die Ausreise von Juden, von denen viele als Kontingentflüchtlinge in die Bundesrepublik kamen. Während des Zusammenbruchs des Kommunismus kam es vor allem in der Ukraine zu kleineren Erweckungsbewegungen unter jüdischen Menschen. Für viele bekam ihre jüdische Herkunft erst durch den Glauben an Jesus eine Bedeutung. Solche Konvertiten prägen heute die deutschen messianischen Gemeinden, zu denen mindestens einige hundert Mitglieder gehören.[9] Die meisten Gemeinden stehen über ihre Leiter in Kontakt und haben sich ein gemeinsames messianisches Bekenntnis gegeben. Es kommt auch immer stärker zur Vernetzung mit den messianischen Gemeinschaften anderer Länder, etwa durch die Veranstaltung von Konferenzen. Die immer noch junge Bewegung braucht auch weiterhin theologische Diskussion und Klärung. So gibt es eine große Bandbreite von Antworten, welche Teile der große Bandbreite von Antworten, welche Teile der Torah gehalten werden sollen. Das entspricht der Situation im übrigen Judentum, das gerade in der Gesetzesfrage kaum vereinbare Positionen umfasst. 

Aufgrund der furchtbaren Vergangenheit ist es in Deutschland eine besonders sensible Frage, wie man mit messianischen Juden umgehen soll. Die jüdischen Gemeinden sehen in ihnen eine Gefahr für die Identität des Judentums. Die christlichen Großkirchen möchten das gute Verhältnis zu den offiziellen Repräsentanten des Judentums nicht gefährden. Es kann helfen, hier auch auf die Stimme des liberalen englischen Rabbiners Dan Cohn-Sherbok zu hören.[10]Er weist darauf hin, dass die Mehrheit der Juden genauso wie er selbst nicht mehr auf den Messias wartet, obwohl diese Hoffnung nach den „Dreizehn Artikeln“ des Maimonides unverzichtbar zur jüdischen Identität gehört. Weiter gibt er zu bedenken, dass nicht nur die an Jesus gläubigen Juden existieren, sondern dass Teile der Lubawitscher Bewegung den verstorbenen Menachem Schneerson immer noch für den kommenden Messias halten. Warum, so fragt Dan-Sherbok, darf es nur einer Gruppe erlaubt sein, an einen (aus seiner Sicht) falschen Messias zu glauben? Die Frage ist besonders dringend, weil sich das Judentum nicht nur als Religion, sondern auch als Volk versteht. Warum sollen nur an Jesus gläubige Juden von der israelischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen sein und nicht auch jüdische Buddha-Verehrer? Für messianische Juden ist mehr vom Alten Testament gültig als für liberale oder gar atheistische Juden. 

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat jüdischen Konvertiten wie Hans Ehrenberg[11] (1883-1958) oder Heinz David Leuner (1906-1977)[12] viel zu verdanken. Theologisch können hinsichtlich der messianischen Juden nicht allein allgemeine Toleranzerwägungen maßgeblich sein. Evangelische Christen sind an die Aussagen des Neuen Testaments gebunden. In eine antijüdisch aufgeladene Situation hinein schrieb Paulus im Römer-Brief, wie abgrundtief es ihn schmerzte, dass das Volk Israel in seiner Mehrheit nicht an Jesus glaubt (Römer 9,1-5; 10,1-3). Und gleichzeitig betonte der Apostel seine feste Gewissheit, dass Gott seinem alten Bundesvolk treu bleibt und es endlich seinen Messias erkennen lässt (Römer 11,25-32). In dieser Hoffnung wurde Paulus durch die Existenz von an Jesus gläubigen Juden bestärkt (Römer 11,1-24). In ihnen sah er ein Zeichen der Treue Gottes und geradezu eine Garantie für eine gute Zukunft: „Ist die Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist auch der ganze Teig heilig. Und wenn die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig“ (Römer 11,16). 

 



[1]Klaus Haacker, Der Brief des Paulus an die Römer, Berlin 42012.

[2]Oskar Skarsaune / Reidar Hvalvik (Hrsg.), Jewish Believers in Jesus: The Early Centuries, Peabody 2007.

[3]Die Geschichte der ersten Christenheit, Stuttgart 61983 (Hrsg. Rainer Riesner), 366-368.

[4]Dazu soll bald eine umfassende Untersuchung von Oskar Skarsaune erscheinen.

[5]Johannes Wallmann, Der alte und der neue Bund, in: Pietismus-Studien, Tübingen 2008, 258-283.

[6]Thomas Küttler, Umstrittene Judenmission, Leipzig 2005.

[7]Jorge Quiónez, Paul Philipp Levertoff: Hebrew Christian Scholar and Leader, Mishkan 37 (2002) 21-34.

[8]Hanna Rucks, Messianische Juden. Geschichte und Theologie der Bewegung in Israel, Neukirchen-Vluyn 2014.

[9]Stefanie Pfister, Messianische Juden in Deutschland, Berlin 2008.

[10]Messianic Judaism, London / New York 2000.

[11]Günther Brakelmann, Hans Ehrenberg. Ein judenchristliches Schicksal in Deutschland I/II, Waltrop 1997/99.

[12]Ulrich Laepple, Den Juden die Kirche, der Kirche die Juden erklären. Heinz David Leuner – Judenchrist und Brückenbauer, Theologische Beiträge 38 (2007) 223-238.

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Wöchentliche Toralesung

Korach

06.07.2019

Tora: 4. Mose 16,1-18,32

Haftara: 1. Samuel 11,14-12,22

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