Die apostolische Sukzession oder die Mündliche Thora

Ausgangspunkt dieser Überlegungen war meine Verärgerung, ja Bestürzung über die 1999 veröffentlichte päpstliche Erklärung „Dominus Iesus”. In ihr wird bekanntlich den Kirchen der Reformation abgesprochen, „Kirchen im eigentlichen Sinn” zu sein, da ihnen die apostolische Sukzession fehle und sie nicht die gültige Eucharistie feierten.[1Das veranlasste mich, für mich das Theorem der apostolischen Sukzession noch einmal auf den Prüfstand zu heben. Die dabei in den Blick gekommenen rabbinischen Belege führten mich zu einer neuen Sicht der Dinge, über die ich heute Abend sprechen möchte.

Frühestes Zeugnis für die Lehre der apostolischen Sukzession finden wir bei Irenäus, der im Jahre 177 Rom besuchte.[2]

Bei ihm heißt es:  

 

„(2) Aber weil es viel zu weit führen würde, in einem Buch wie diesem die Aufeinanderfolgen[3] (der Bischöfe) sämtlicher Kirchen aufzuzählen, gebe ich die von den Aposteln stammende Tradition und den für die Menschen gepredigten Glauben nur am Beispiel der besonders großen und besonders alten und aller Welt bekannten, von den beiden hochberühmten Aposteln Petrus und Paulus in Rom gegründeten und organisierten Kirche an, wie sie durch die Aufeinanderfolgen der Bischöfe auf uns gekommen ist. … (3) Als die seligen Apostel die Kirche also gegründet und erbaut hatten, legten sie dem Linus das Amt des Bischofs zur Leitung der Kirche in die Hände. … [Es folgt die Auflistung 11 weiterer „Bischöfe”.] Das ist die Ordnung und das die Sukzession, in der die Überlieferung in der Kirche, die von den Aposteln herkommt, und die Verkündigung der Wahrheit auf uns gekommen sind. Und das ist der schlagendste Beweis dafür, daß es ein und derselbe lebensspendende Glaube ist, der in der Kirche seit der Zeit der Apostel bis heute aufbewahrt und in Wahrheit überliefert worden ist.”[4]

 

Diese einschlägige Stelle für das Theorem der apostolischen Sukzession zeigt einmal, dass der Rückgriff auf die römische Bischofsliste nur exemplarisch ist. Eigentlich müsste die apostolische Sukzession aller Gemeinden aufgezählt werden, was aber „viel zu weit führen würde“ (valde longum).

Wir wissen heute, dass die Gründung der römischen Gemeinde durch Petrus und Paulus eindeutig späteres Konstrukt ist. Zumindest Paulus hat die römische Gemeinde definitiv nicht gegründet (vgl. Röm. 1,10). Des weiteren fällt auf, dass die Gewährsmänner Petrus und Paulus sind, Paulus spielt aber in den römisch-katholischen Überlegungen zur apostolischen Sukzession keine Rolle mehr. Außerdem wird hier kein Bischofsamt der beiden erwähnt. Erst nach der Gründung der römischen Gemeinde durch die beiden Apostel wird ein Bischof eingesetzt: „Als die seligen Apostel die Kirche also gegründet und erbaut hatten, legten sie dem Linus das Amt des Bischofs zur Leitung der Kirche in die Hände.“ Somit kann mit diesem Text nicht belegt werden, dass der Papst auf der κάθεδραdes Petrus sitzt. Der Kontext endlich zeigt, dass es Irenäus letztendlich um die Sukzession der Lehre geht, die die auf der apostolischen Sukzession basierenden Gemeinden im Unterschied zu den Häretikern, gegen die sich seine fünf Bücher richten, bewahren.

Während die beiden großen theologischen Lexika, das katholische LThK3und die protestantische RGG4, keine Papstlisten mehr bieten, setzt der Brockhaus hinter die Namen Petrus bis einschließlich Zephyrinus [† 217] sämtlich ein „(?)“, zwischen Anaklet I. († 88) und Klemens I. (Amtsantritt 90/92) klafft sogar eine Lücke von zwei bis vier Jahren.[5] Die für das Theorem der apostolischen Sukzession so wichtige lückenlose Verknüpfung der römischen Bischöfe mit Petrus liegt also verborgen im dichtesten Nebel mündlicher Überlieferung und Traditionsbildung.

Im gleichen Nebel bilden sich auch die kirchlichen Ämter heraus, wobei es dabei zu einer eigenartigen begrifflichen Konfusion kommt. Die „Priester“, deren Aufgabe es ursprünglich war, am Tempel Opfer darzubringen, ein Dienst, der christlicherseits mit dem Selbstopfer Jesu ein für allemal sein Ende fand[6] oder besser: hätte finden sollen, werden über das griechische πρεσβύτερος, was eigentlich „Älterer“ bedeutet und als „Amt” schon in der Hebräischen Bibel vorkommt (Ex. 17,5 u. ö.), wieder in die kirchliche Hierarchie eingeführt. Der Begriff „Bischof“ (πίσκοπος) aber hat seine Wurzeln sowohlin der griechischen Antike (so in der öffentlichen Verwaltung oder im Vereinswesen als Aufseherbzw. Wart), als auch in der Funktion des Aufsehers in der Hebräischen Bibel, sowie in der Synagogengemeinde. Interessant sind die Ausführungen über den מְבַקֵּר [mebaqqér - Aufseher] in der essenischen Damaskusschrift XIII,7-11:

 

„Und dies ist die Regel für den Aufseher des Lagers: Er soll die Vielen unterweisen in den Werken Gottes und soll sie unterrichten über seine wunderbaren Machttaten und soll vor ihnen die ewigen Ereignisse erzählen. Und er soll Erbarmen mit ihnen haben wie ein Vater mit seinen Söhnen und alle ihre Verstreuten zurück[bringen] wie ein Hirt seine Herde. Und er soll alle ihre fesselnden Bande lösen, damit kein Bedrückter und Zerschlagener in seiner Gemeinde sei. Und jeden, der sich seiner Gemeinde anschließt, soll er auf seine Werke, seine Einsicht, seine Kraft, seine Stärke und sein Vermögen hin prüfen.“[7] 

 

Mit den neutestamentlichen Ausdrücken πίσκοποιund πρεσβύτεροιhaben wir Begriffe vor uns, die eher in die Struktur einzelner (in aller Regel wohl quasi-demokratisch verfasster) Ortsgemeinden (durchaus vergleichbar den Synagogengemeinden) gehören als in die spätere Hierarchie einer Weltkirche. Überhaupt lässt die spätere Entwicklung, die am Priesteramt der Hebräischen Bibel anknüpft und in allegorisierender Manier Elemente des alttestamentlichen Opferdienstes auf das „Messopfer“ überträgt, vergessen, dass die in neutestamentlicher Zeit erwähnten christlichen Gemeinden nicht in der Tradition der Tempelgemeinde stehen, sondern eher in der der Synagogengemeinden.  

Führte die Annahme einer apostolischen Sukzession, die sich über Bischöfe im allgemeinen und über Päpste im besonderen ableitet, in etliche Aporien, so bietet das Neue Testament selbst eine andere Traditionskette an. Wir lesen Matthäus 23,2+3: „Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen's zwar, tun's aber nicht.“ Vermutlich hat die sich im letzten Halbvers äußernde Pharisäerschelte[8], die sich in den folgenden Versen dann fortsetzt, dazu geführt zu überlesen, was die Verse 2 und 3a wirklich aussagen: Die pharisäischen Schriftgelehrten sind nach diesem Ausspruch autorisierte Ausleger der mosaischen Thora. Jesus bestätigt damit die Pirqê Awoth 1,1 angegebene Traditionskette: „Mose empfing die Thora vom Sinai und übergab sie Josua, Josua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, und die Propheten übergaben sie den Männern der großen Synode.“[9] Ich zitiere auch noch die folgenden Sätze, weil sie für das Verständnis der Lehre Jesu von besonderer Wichtigkeit sind: „Diese sprachen drei Worte: Seid überlegt im Gericht, stellet viele Schüler (תַּלְמִידִים) auf, und machet einen Zaun um die Lehre (סְיָג לַתּוֹרָה).” Rabbinische Schriftgelehrsamkeit, wie sie mit den Männern der großen Synode beginnt, steht also in der Traditionskette, die bis auf Mose selbst zurückreicht. Rabbinische Schriftgelehrsamkeit wurde notwendig, weil Thora immer nur (in die einzelne konkrete Situation) zugesprochene Weisung sein kann, schriftlich fixiert aber durchaus (weil möglicherweise nicht mehr auf die konkrete Situation anwendbar) in ihr Gegenteil pervertiert werden kann, vgl. dazu 2. Kor. 3,6: „Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

So werden bspw. die beiden Formulierungen, mit denen die Thora die Todesstrafe vorschreibt, im rabbinischen Judentum umgedeutet und damit de facto außer Kraft gesetzt. „Der soll des Todes sterben“ wird verstanden: Gott wird ihn sterben lassen, bevor er noch die Hälfte seiner Jahre erreicht hat. „Du sollst seine Seele ausrotten aus der Gemeinde“ wird auf den Bann bezogen, der bei solchen Vergehen vollzogen wird: Der Verbrecher wird aus der Gemeinde ausgestoßen und symbolisch bestattet. Ein sehr beeindruckendes Beispiel aus dem dunkelsten Kapitel unserer deutschen Geschichte zeigt, wie die neu gesprochene Thora des Rabbiners sogar die schriftliche Thora außer Kraft setzen kann. Rabbiner Ephraim Oshry teilt in seinen Responsa aus dem Holocaust mit: „Ein Kohen wurde von den Deutschen solange getreten, bis seine Hoden zerquetscht wurden. Kann er aber jetzt noch zur Thora als ein Priester aufgerufen werden?“ Gegen Lev. 21,20 ordnete Ephraim Oshry an, „dass ihm jedes weitere Leiden verboten ist, und dass ihm nichts weiter auferlegt werden darf.“ Er sollte also wie bisher als erster zur Thoraverlesung aufgerufen werden.[10]

So bedarf es jeweils eines vollmächtigen Auslegers, der in jeder Generation neu Thora spricht. Dtn. 18,15 heißt es: „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.“ Dies ist wohl weniger eine messianische Verheißung als viel mehr die Zusage, dass es in jeder Generation einen Propheten geben wird, der vollmächtig Thora spricht. Josua, der in der hebräischen Bibel die Reihe der „Früheren Propheten“ eröffnet, wird von Mose „ordiniert“[11]: „Josua aber, der Sohn Nuns, wurde erfüllt mit dem Geist der Weisheit; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt. Und die Israeliten gehorchten ihm und taten, wie der HERR es Mose geboten hatte.“ (Dtn. 34,9) Mit Mt. 23,2+3a wird der rabbinische Anspruch, vollmächtig Thora auszulegen, anerkannt, eine Tatsache, die – meines Wissen – in keiner christlichen Dogmatik Berücksichtigung gefunden hat. Dieses Logion verweist uns auf die Auslegungstraditionen des (vorjesuanischen) Judentums zurück.

Jesus steht, wenn er sie auch als Messias überbietet und im Theorem der apostolischen Sukzession selbst Begründer einer Traditionskette ist, als Rabbi seinerseits in der Traditionskette, die Pirqê Awoth 1,1 nennt und die Mt. 23,2+3 dann bestätigt. Als möglicher Lehrer Jesu könnte Johannes der Täufer benannt werden, für den zumindest die Nähe zur Qumrangemeinde nachgewiesen werden kann.[12] Neben dem Rabbi-Titel wird Jesus auch mit dem Titel „Rabbuni“ angeredet. So von dem Blinden in Mk. 10,51 und von Maria Magdalena am leeren Grab Joh. 20,16. Mit diesem Titel hat es etwas Besonderes auf sich: Dahinter steht – nach Auskunft Bauer-Alands[13]– die Anrede רַבָּן [rabbán] (+ sf. 1 c s). Unter Suffix versteht man eine Anfügung. Im Hebräischen können besitzanzeigende Fürwörter (mein, dein) in der Form von Suffixen an Nomina und Verben angefügt werden.  Levy führt in seinem Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim zum Stichwort „Rabban” aus: „Insbes.[ondere] führten diesen Titel die Nesiim (Fürsten aus dem Davidischen Hause, die Nachfolger Hillels bis R. Juda Nasi ...)“.[14] Heißt Rabbi „mein Lehrer” (wörtlich: „mein Großer”), so bedeutet „Rabban” „unser Lehrer”, also der Lehrer der Gesamtheit Israels. Hier – Jesus gegenüber – drückt es wohl die besondere Nähe aus „mein Rabban“ oder aber den Gegensatz zum derzeit amtierenden Rabban. „Rabban“ Jesus nun beruft, getreu Pirqê Awôth 1,1: „Stellt viele Schüler auf!“, seinen Schüler-Kreis, in den er auch Schülerinnen[15] aufnahm. Nach Matth. 28,19 sollen – gemäß einer Vision des Auferstandenen – alle Völker zu Schülern/Schülerinnen werden, mehr lässt sich die Forderung Pirqê Awoth 1,1 nicht überbieten! 

Die Lehre steht – mehr noch als seine Heilungen – im Vordergrund seiner Tätigkeit. Ihre Anklänge an rabbinisches Schrifttum füllen dabei Bände. Für mich lässt sich seine Lehrtätigkeit am treffendsten mit dem Begriff der Messiasthora zusammenfassen, ein Begriff, der m. W. in der theologischen Literatur keine oder kaum eine Rolle spielt. Vom Messias wurde erwartet, dass er die Streitigkeiten der Rabbinen beendet und die Thora JHWHs klar und eindeutig auslegt.[16]

Bedenken wir dabei, dass nur eine Generation vor Jesus die beiden großen Kontrahenten des jüdischen Lehrhauses wirkten, der jähzornige Schammai und der sanftmütige Hillel, dann erscheinen die Fragen der Schriftgelehrten an Jesus in einem besonderen Licht: Es geht bei ihren Fragen nicht um Fangfragen, um Jesus gleichsam aufs Glatteis zu führen, sondern es sind wirkliche Fragen nach der vollmächtigen Auslegung der Thora, also die Frage danach, wie der Messias zum Beispiel die zwischen Hillel und Schammai strittigen Fragen klärt.

Dies scheint mir der Fall zu sein bei Jesu Antworten auf die Frage nach dem Zinsgroschen (Mk. 12,13-17||), die Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung (Mk. 12,18-27||), die Frage nach dem höchsten Gebot (Mk. 12, 28-34||) und die Frage nach der Ehescheidung (Mk. 10,1-12||Mt. 19,1-9).

Ich möchte bei zwei dieser Texte etwas mehr in die Tiefe gehen: bei der Frage nach dem Zinsgroschen und bei der Frage nach dem höchsten Gebot. Zunächst zur Frage nach dem Zinsgroschen:

Hinter dieser Frage steht ein durchaus modernes Problem: Unterstütze ich durch das Bezahlen der Steuern nicht eine Politik, die ich letztlich nicht verantworten kann? Hier konkret: Begehe ich nicht Götzendienst, wenn ich dem Kaiser Steuern zahle, der sich selbst als Gott verehren lässt? Das Verbot des Götzendienstes aber zählt zu den drei Geboten, die nach Auffassung der Rabbinen nicht einmal bei Lebensgefahr übertreten werden dürfen.[17] In seiner Antwort geht Jesus auf die implizite Frage nach dem Götzendienst ein, wenn er sagt: „Gebt Gott, was Gottes ist“ (= nämlich euch selbst). Seine Antwort: „Gebt dem Kaiser (zurück), was des Kaisers ist“ löst in der Tat das halachische Dilemma: Wenn es sich beim Steuern-Zahlen also lediglich um ein „Zurückgeben“ handelt, was dem Kaiser (durch Aufschrift und Bild dokumentiert) sowie schon gehört, dann handelt es sich dabei nicht, wie befürchtet, um unzulässiges Götzenopfer. Jesu Antwort bedeutet also konkret: „Wegen der Steuerfrage braucht ihr nicht in den Märtyrertod zu gehen.“ 

Zur Frage nach dem höchsten Gebot: Der Babylonische Talmud berichtet von folgender Begebenheit: „Einer aus den Völkern kam vor Schammai und sagte zu ihm: Mache mich zum Proselyten, unter der Bedingung, daß du mich die Weisung ganz und gar lehrst, während ich auf einem Bein stehe! Da stieß er ihn mit dem Meßbrett weg, das er gerade in der Hand hatte. Er kam vor Hillel, der machte ihn zum Proselyten und sagte zu ihm: Was dir verhasst ist, das tue deinem Genossen nicht an! Das ist die Weisung ganz und gar, das andere ist ihre Auslegung. Geh hin und lerne!”[18] Schammais nonverbale Antwort meint: Die Gebote der Thora sind alle gleich wichtig, sie können nicht zusammenfasst werden, während Hillel versucht, die Thora mit der goldenen Regel zusammenzufassen. Damit bekommt er aber nur die Gebote der zweiten Tafel in den Blick, nicht aber die Gebote der ersten Tafel. Jesu Antwort aber fasst beide Tafeln zusammen: 

 

29„Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

30und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5. Mose 6,4-5).

31Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.” 

(Markus 12, 29-31)

 

Der Fragesteller ist von dieser Antwort begeistert: 

 

„Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister [damit übersetzen die Evangelien den Rabbi-Titel], du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm;

33und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.”

 

Ein Wort noch zum Ausdruck: „sie versuchten ihn”, der bei den Fragen der Schriftgelehrten an Jesus oft[19] verwendet wird: Das im Urtext vorkommende πειράζεινmuss nicht unbedingt im negativen Sinne gebraucht sein. So kann Gott selbst den Abraham (Gen. 22,1 LXX) auf die Probe stellen, und 2. Kor. 13,5 heißt es ganz deutlich ohne jegliche negative Tönung: „Versucht[20] euch selbst (αυτος πειράζετε), ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst!"

Ich habe den Eindruck, dass es sich bei den fraglichen Stellen nicht ursprünglich um als negativ zu wertende „Versuchungen“ handelt, sondern sozusagen um die „Nagelprobe“, ob Jesus die klärende Messias-Tora spricht.

Die sogenannten Antithesen der Bergpredigt, also jene Sätze wie: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist : … Ich aber sage euch: … (Matthäus 5,21ff.) sind auf gar keinen Fall Gegensätze zu Thesen des Judentums – so suggeriert es doch der unglücklich gewählte Begriff „Antithesen” - , sondern sind Beispiele, wie die Thora auf ihr eschatologisches Vollmaß aufgefüllt wird[21]. Dieser Begriff „eschatologisches Vollmaß” stammt von Joachim Jeremias und er meint damit die endzeitliche, endgültige Geltung der Thora. Eine Anekdote aus Bubers Erzählungen der Chassidim zeigt recht eindrücklich, was damit gemeint ist:

 

„Die verborgene Lehre

Rabbi Levi Jizchak sprach: „Es heißt in Jesaja: ‚Eine Lehre wird von mir ausgehn.’[22] Wie ist das zu verstehn? Wir glauben doch in vollkommenem Glauben, daß die Thora, die Mose am Sinai empfing, nicht getauscht und keine andre gegeben wird; unveränderlich ist sie[23], und es ist uns ver- | wehrt, auch nur eine ihrer Lettern anzutasten. Aber in Wahrheit sind nicht die schwarzen Lettern allein, sondern auch die weißen Lücken Zeichen der Lehre, nur daß wir sie nicht wie jene zu lesen vermögen. In der kommenden Zeit wird Gott die weiße Verborgenheit der Thora offenbaren.“[24]

 

Die Messiasthora lehrt uns also, zwischen den Zeilen der Mose-Thora zu lesen. Oder anders ausgedrückt: Sie ist der Zaun um die Mose-Thora, der verhindert, dass die Thora selbst verletzt werden kann.[25] So beginnt bei der ersten sogenannten Antithese der Bergpredigt der Totschlag schon beim bösen Wort, in der zweiten Antithese der Ehebruch beim begehrlichen Blick. 

Möglicherweise konnte Jesus zu seinen Lebzeiten nur Simon Petrus ordinieren: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt. 16,19) Das Lösen und Binden bezieht sich nicht auf die Sündenvergebung[26], sondern auf das Auflösen bzw. Bestehen-lassen von Gelübden, eine der vornehmlichen Aufgaben der Rabbiner.

Wenn das rabbinische Schrifttum auch unterschiedliche Vorschriften für die Ordination zum Rabbiner mitteilt, die zum größten Teil nachchristliche Zeiten betreffen, so ist doch die Notiz im Talmud Jeruschalmi von Belang, die besagt: 

 „Rabbi [Ab]ba[27] sagte: Ursprünglich pflegte ein jeder [Lehrer] seine Schüler zu ordinieren.“[28]

Beim ersten Hören scheint dieser Satz nicht viel herzugeben. Er bedeutet aber, dass es ursprünglich keiner besonderen Institution bedurfte, um Lehrer/Rabbiner zu ordinieren. Es lag im Ermessen des einzelnen Lehrers, seine Schüler zu Lehrer zu ordinieren, wenn er den Eindruck hatte, sie waren bereit dazu.

Die Lehre spielt dann in der Urgemeinde eine herausragende Rolle. Sie wird an erster Stelle der vier Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde genannt: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg. 2,42) Die Sukzession der Lehre geht weiter von Generation zu Generation.

Um zum eingangs genannten Ärgernis zurückzukommen: Katholischerseits wird der evangelischen Kirche (zumindest in Deutschland) vorgeworfen, nicht die Sukzession bewahrt zu haben[29]. Wenn aber nachgewiesen ist, dass die apostolische Sukzession eine bloßes Gedankenkonstrukt ist, während die Traditionskette ununterbrochen von Lehrer zu Schüler weitergegeben wird, so besteht gerade für die Kirchen der Reformation eine solche Kontinuität. 

Um diese Sukzession der Lehre ging es in der Reformation Martin Luthers. Wie Martin Brecht im ersten Band seiner dreibändigen Luther-Biographie zeigt, hat Luther „seinen [1514 erworbenen] Doktortitel später gerne da verwendet und zur Geltung gebracht, wo er auf seine Lehrautorität und –befugnis pochte ... Eben zu Luthers Zeit begannen die sachverständigen Gelehrten eine selbständige, konkurrierende Autorität gegenüber den Inhabern kirchlicher und weltlicher Macht zu beanspruchen. Der Doktorgrad und die Professur waren für Luther verbindlicher Auftrag und beschworene Pflicht. In seinem öffentlichen Auftreten zwischen 1517 und 1521 hat sich Luther immer wieder darauf berufen, ‚beschworener Doktor der Heiligen Schrift’ zu sein. Das hatte nichts mit eingebildeter Titelsucht zu tun.“[30]

Die Kirche der Reformation selbst führt die Kette der Sukzession weiter, wenn sie im Augsburger Bekenntnis lehrt (Artikel 14): „Vom Kirchenregiment wird gelehrt, daß niemand in der Kirchen offentlich lehren oder predigen oder Sakrament reichen soll ohn ordentlichen Beruf[31].“ – „De ordine ecclesiastico docent, quod nemo debeat in ecclesia publice docere aut sacramenta administrare nisi rite vocatus.“[32]

Als sich - verständlicherweise - die katholischen Bischöfe weigerten, evangelische Geistliche zu ordinieren, sofern sie ihrer Lehre nicht abschworen, wurden in Wittenberg ab 1535 evangelische Geistliche ordiniert. Ab 1537 wurde ein Ordinierten-Buch geführt.[33]

So reicht die Kette der Ordinierten von LehrerInnen[34] zu SchülerInnen von Mose am Sinai an sowohl bis auf die Rabbiner unserer Tage, als auch über den Messias Jesus, seine SchülerInnen und deren SchülerInnen bis auf uns.

 

Wolfgang Rülke

 

Der Aufsatz, der diesem Vortrag zugrunde liegt, wurde 2013 Herrn Rabbiner Mosche Navon in Dankbarkeit zum Abschied aus Emmendingen gewidmet.

 



[2] Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte,  Tübingen 131971, S. 55f., §§ 14i/k. 

[3] successiones.

[4] Irenäus von Lyon: Adversus haereses / Gegen die Häresien III. Übersetzt und eingeleitet von Norbert Brox. Fontes Christiani. Band 8/3. Freiburg im Breisgau u. a. 1995, S. 30 - 35, Buch III, 3, 2-3. 

[5] 10. Band, Oldenburg 1998, S. 373, Tabelle „Päpste“.

[6] Vgl. Hebr. 7,27.

[7] Eduard Lohse, Die Texte aus Qumran / hebräisch und deutsch, Darmstadt 11971, S. 92-95.

[8] Die aber, wie Leo Baeck zeigt, durchaus innerjüdisch, wenn nicht gar innerpharisäisch zu verstehen ist. Paulus, die Pharisäer und das Neue Testament, Frankfurt am Main 1961, S. 89f. und 96f.

[9] Nach der Übersetzung von Dr. S. Bamberger, Sidur Sefat Emet [א"סשׂ], Basel 1989 (Nachdruck), S. 150. 

[10] Rabbi Ephraim Oshry, Responsa from the Holocaust, Translated by Y. Leiman, New York 21989, S. 63. 

[11] Der rabbinische Begriff für die Ordination „סְמִיכָה“ leitet sich vom Verb סמךQ ab, das in dem hier zitierten Vers vorkommt.

[12]  Josef Ernst in Lexikon für Theologie und Kirche, Fünfter Band, Freiburg i. Br. durchgesehene Sonderausgabe der 3. Auflage, 2006, Sp. 873.

[13] Walter Bauer, hrg. Kurt und Barbara Aland, Griechisch-Deutsches Wörterbuch ..., Berlin/New York 61988, Sp. 1467, Lemma αββονι.

[14] Jacob Levy, Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim, 4. Band, Berlin/Wien 21924 [Nachdruck Darmstadt 1963], S. 416.

[15] Vgl. dazu Lk. 10,38-42. 

[16] Vgl. Genesis Rabba 98: „Er (= der Messias) macht ihnen, die Worte der Tora klar ... er berichtigt ihre (= der Schriftgelehrten) Irrtümer“. Angegeben bei Billerbeck IV/1,1.

[17] Götzendienst, Mord und Unzucht. Sanhedrin 74a, angegeben bei Reinhold Mayer, Der Talmud, München 71984, 319. 

[18] Schabbat 31a , angegeben bei Reinhold Mayer, a. a. O. [Anm. 18], 227f.

[19] Mt. 16,1; 19,3; 22,35; Mk. 8,11; 10,2; 12,15; Lk. 11,16. 

[20] So nach Luther1912, Luther1984übersetzt stattdessen: "Erforscht".

[21] Vgl. Joachim Jeremias zu plhrw~sai(Mt. 5, 17b), Neutestamentliche Theologie, Erster Teil, Gütersloh 31979, S. 88f.  

[22] 51,4

[23] Vgl. den 9. Glaubensartikel von Maimonides: „Ich bin vollkommen überzeugt, daß diese Lehre [sc. des Mose] nicht umgetauscht werden wird und keine andere Lehre kommen wird vom Schöpfer, gelobt sei sein Name.“ 

א"סשׂ, 79.

[24 ] Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 369f.

[25] Vgl. oben Anm. 10.

[26] Dies kommt erst Joh. 20,23 in den Blick.

[27] So nach der Übersetzung von Heinrich W. Guggenheimer, The Jerusalem Talmud, Fourth Order: Neziqin, Berlin/New York 2010, S. 48.

[28] jSanhedrin 1,2. Eigene Übersetzung.

[29]Vgl. den eingangs zitierten Absatz 17 aus Dominus Iesus.

[30] Martin Brecht, Martin Luther / Sein Weg zur Reformation / 1483 – 1521, Stuttgart 21983, S. 128.

[31] = ordentliche Berufung.

[32] Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche / herausgegeben im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930, Göttingen 61967, S. 69. Hervorhebung von mir.

[33] Martin Brecht, Martin Luther, Dritter Band: Die Erhaltung der Kirche. 1532-1546. Stuttgart 1987, S. 128f.

[34] Zu denen selbstverständlich auch die Bischöfe und Päpste zählen.


Download
Die apostolische Sukzession oder die Mündliche Thora
Die apostolische Sukzession oder die Mün
Adobe Acrobat Dokument 246.7 KB

Wöchentliche Toralesung

Korach

06.07.2019

Tora: 4. Mose 16,1-18,32

Haftara: 1. Samuel 11,14-12,22

Newsletter

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.