"Ich bin der Ewige, dein Gott"

Wohl vertraut sind uns diese Worte. Wohl vertraut vor allem deshalb, weil Gott selbst sie uns in seiner Tora immer wieder aufs Neue zuspricht. Einige der bekanntesten Passagen der Heiligen Schrift werden mit diesen Worten eingeleitet. Darunter auch der Dekalog, ebenfalls bekannt als die Zehn Gebote (Ex 20,2). Weniger vertraut ist uns hingegen vielleicht der Versuch, anhand dieser Worte die Dreieinheit Gottes zu widerlegen. Einige der Gruppierungen, die diesen Versuch unternehmen, bezeichnen sich selbst als messianisch-jüdisch und argumentieren wie folgt:

 

Sie weisen darauf hin, dass es sich beim hier verwendeten Wort für „ich“ nicht um das im Hebräischen übliche ani (אֲנִי) handelt, sondern um das längere und seltenere anochi (אָנֹכִי). Des Weiteren erläutern sie, mit Bezug auf den im 16. Jahrhundert aktiven Prager Rabbiner Juda Löw (laut Legende der Schöpfer des Golem), dass diese längere Form des Wortes ausschließlich auf die eigene Person verweise. Der Unterschied zwischen ani und anochi bestehe also darin, dass Ersteres stets ein Gegenüber erfordere, Letzteres aber unabhängig für sich selbst bzw. ausschließlich für das unteilbare Selbst Gottes stehe.[1]

 

Hieraus ergibt sich nun aber die Frage, welchen Zweck ein Personalpronomen haben sollte, das außerhalb der Interaktion verschiedener Individuen steht. Nicht dass es keine Existenz außerhalb eines solchen Kontextes geben könnte – schließlich muss diese für den präexistenten Gott angenommen werden – aber die Notwendigkeit von Personalpronomen ist dann schlichtweg nicht gegeben. In diesem Sinne formulierte auch Martin Buber den bekannten Satz „Der Mensch wird am Du zum Ich.“[2]

 

Man mag nun monieren, dass sich Bubers Aussage lediglich auf Menschen, nicht aber auf Gott bezieht und sie deshalb nicht relevant ist. Allerdings bedeutet ja die vorliegende Argumentation im Umkehrschluss, dass das Wort anochiausschließlich von Gott, nicht aber von Menschen verwendet werden kann. Das ist jedoch nicht der Fall. Im Gegenteil: bereits der allererste Satz der Tora, der dieses Wort enthält, wird von einem Menschen, nämlich Adam gesprochen: „Ich hörte deine Stimme im Garten, und ich fürchtete mich, weil ich nackt bin, und ich versteckte mich.“ (Gen 3,10)

 

Darüber hinaus zeigen uns die Erkenntnisse der Semitistik, also der vergleichenden Sprachwissenschaft, dass sich das kürzere ani im Laufe der Zeit aus dem längeren anochi entwickelt hat.[3] Dass in der Tora dennoch auch die ältere Form gelegentlich verwendet wird, hat historistische, stilistische und sprachrhythmische Gründe. Es besteht also tatsächlich ein Unterschied zwischen ani und anochi, und zwar ein phonetischer bzw. lautlicher. Inhaltlich hingegen sind beide Wörter identisch.

 

Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die Dreieinheit Gottes hiermit noch keinesfalls bewiesen ist. Und nach Ansicht einiger kann ein solcher Beweis auch gar nicht erbracht werden, heißt es doch im Schma, dem sogenannten Glaubensbekenntnis Israels: „Höre, Israel: Der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!“ (Dtn 6,4)

 

Interessant ist hierbei vor allem das hebräische Wort für „einzig“ bzw. „einig“, nämlich echad (אֶחָד). Wie fast alle hebräischen Wörter, lässt auch dieses Wort sich auf eine Wurzel zurückführen, die ihrerseits alle denkbaren Wortarten, wie z.B. Adjektiv, Substantiv, Partizip usw. annehmen kann. Will man sich also mit der ursprünglichen und grundlegenden Bedeutung von echad befassen, ist es hilfreich, sich die Verwendung der Wurzel in einer anderen Wortart anzusehen. In Hes 21,21 beispielsweise wird die Wurzel dieses Wortes in der Verbform verwendet und lautet hit'achadi (הִתְאַחֲדִי), was mit „sammle dich!“ übersetzt werden kann. Hieran wird folgendes besonders deutlich: bei echad handelt es sich nicht um eine Einheit der Vereinzelung, sondern um eine Einheit der Vereinigung. Der Beleg hierfür findet sich in Gen 2,24, wo für die Vereinigung von Mann und Frau ebenfalls das Wort echad verwendet wird: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und sie werden zu einem Fleisch werden.“

 

Das Konzept der Vereinigung ist bei der Formulierung des Schma also nicht nur inbegriffen, sondern die Einheit Gottes ist, trotz der unterschiedlichen Anzahl der Vereinigten, zugleich auch das Idealbild für die Einheit innerhalb der Ehe. Sie ist untrennbar, vollkommen und konkurrenzlos.

 

Und da die Schrift eindeutig zwischen Schöpfer und Schöpfung unterscheidet, begegnet uns die Einheit Gottes natürlich besonders im Schöpfungsbericht. So wird zum Beispiel in Gen 1,1 beschrieben, wie der Vater Himmel und Erde erschafft, während in Vers 2 die Ruach Kodesch (der „Heilige Geist“ ist im Hebräischen feminin!) explizit erwähnt ist, und Vers 3 skizziert, wie durch das Wort, welches in Joh 1,1 mit Jeschua identifiziert wird, das Licht erschaffen wird. Dies wird auch zu Beginn des Hebräerbriefs noch einmal aufgegriffen, wo es heißt: „Er hat am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn, den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat, durch den er auch die Welten gemacht hat.“ (Hebr 1,2)

 

Nun ist es zwar offenkundig, dass Tanach (Altes Testament) und Brit Chadascha (Neues Testament) dem Leser einen dreieinigen Gott vorstellen, jedoch lautet die eigentlich spannende Frage, die das menschliche Gemüt umtreibt: Dreieinigkeit ja, aber wie muss man sich die vorstellen?

 

Obwohl die Frage nach dem Wie wohl die naheliegendste Frage in Bezug auf das Wesen und die Einheit Gottes ist, so ist sie doch eine sehr tückische Frage. Das kleine Wörtchen „wie“ fragt nämlich grundsätzlich nach einem Vergleich, und es liegt in der Natur der Sache, dass ein jeder Vergleich an irgendeiner Stelle hinkt. Außerdem ist es umso schwerer – wenn nicht gar unmöglich – einen Vergleich für einen Gott zu finden, der von sich selbst sagt, einmalig und einzigartig bzw. echad zu sein.

 

Und dennoch ist der menschliche Geist auf Vergleiche und Bilder angewiesen, die komplexe Sachverhalte veranschaulichen. Einige zeitgenössische Philosophen bezeichnen den Menschen daher als animal symbolicum.[4] Und auch Jeschua selbst hat immer wieder nach alter, jüdischer Tradition Gleichnisse benutzt, um seinen Hörern die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu versinnbildlichen und dem menschlichen Bedürfnis nach Bildern nachzukommen.

 

Es kann uns daher kaum überraschen, dass nicht erst seit Tertullian, der Ende des 2. Jahrhunderts als Erster den lateinischen Begriff trinitas (aus tri = drei, und unitas = Einheit) verwendete, nach Bildern für die Einheit Gottes gesucht wurde und bis heute gesucht wird. Bei dieser Suche bzw. unter den zahllosen Versuchen lassen sich vor allem zwei gegensätzliche Strömungen ausmachen: Zum einen der so genannte Adoptianismus, der davon ausgeht, dass Jeschua zunächst ein gewöhnlicher Mensch gewesen und erst durch seine Tvila (Taufe) vom Ewigen adoptiert worden sei, was jedoch klar der in der Schrift bezeugten Präexistenz Jeschuas widerspricht (vgl. Hebr 1,2). Und zum andern der so genannte Modalismus, der in jeder der drei Personen der Gottheit nur einen Modus bzw. eine Maske sieht, die Gott je nach Bedarf anlegt. Heutzutage werden diese unterschiedlichen Modi oder Masken gerne mit den drei unterschiedlichen Aggregatzuständen von Wasser (fest, flüssig, gasförmig) verglichen. Allerdings offenbart dieser Vergleich schnell seine größte Schwäche: Wasser kann nie alle drei Formen gleichzeitig annehmen; Gott schon.

 

Deshalb ist zum einen rabbinische Literatur irreführend, welche in der Ruach Kodesch lediglich eine „Qualität“ bzw. ein „Attribut“ Gottes sieht, jedoch nicht Gott selbst.[5] Denn die Brit Chadascha lässt keinen Zweifel daran, dass die Ruach Kodesch Gott ist. So lautet etwa Joh 4,24 „Gott ist Geist“.

 

Zum anderen sind aber auch christliche Auslegungen abzulehnen, die im Maschiach (Messias) einen Modus Gottes sehen, welcher sich im Tanach, also vor der Geburt Jeschuas, vor allem als mal'ach adonai (מַלְאָךְ יהוה), d.h. Engel des Ewigen manifestiert (z.B. Ex 3,2ff). Schließlich bedeutet das hebräische Wort mal'ach (מַלְאָךְ) schlichtweg „Bote“. Jedoch ist Jeschua kein Bote, sondern die Botschaft selbst, wie denn auch Jochanan über ihn schreibt: „Und das Wort wurde Fleisch.“ (Joh 1,14) Beachtenswert ist, dass der griechische Begriff logos (λόγος), der hier mit „Wort” übersetzt wurde, keineswegs nur diese eine Bedeutung hat, sondern eben auch mit „Botschaft” sowie „Weisheit” oder „Weisung” bzw. „Tora” übersetzt werden kann.[6]

 

Noch immer ist jedoch die Frage unbeantwortet, in welchem Bild, durch welches Gleichnis oder mit welchem Modell man denn stattdessen die Einheit Gottes veranschaulichen könnte. Das Hauptproblem besteht dabei vermutlich darin, dass alle Bilder, Gleichnisse und Modelle grundsätzlich auf Basis der Repräsentation funktionieren. Allerdings dient Repräsentation, wie beispielsweise René Descartes sie definierte,[7] nicht lediglich der Veranschaulichung, sondern vor allem der Verfügbarmachung. Ein Beispiel: in der Marketingforschung werden Zahlen und Daten genutzt zur Repräsentation von Kaufverhalten. Diese Repräsentation hat aber nicht (nur) den Zweck, ein anschauliches Bild bzw. ein schöne Tabelle oder ein ästhetisches Diagramm zu ergeben, sondern sie macht die zugrunde liegenden Daten sichtbar und somit verfügbar. Sie können dann genutzt werden, um z.B. Werbekampagnen für bestimmte Produkte zu optimieren, die Produkte selbst den Kundenwünschen anzugleichen, kurz: um den Profit zu steigern. Repräsentation ist somit immer auch ein Machtinstrument.

 

Dies sehen wir auch am Beispiel Davids, der durch die Volkszählung in 1 Chr 21 versuchte, das Machtinstrument Repräsentation zu nutzen, um gewisse – in diesem Fall wohl hauptsächlich militärische – Daten für sich verfügbar zu machen. Dass Gott eine solche Form der Repräsentation jedoch nicht immer, oder zumindest nicht folgenlos zulässt, weil letztlich nur er avinu malkenu (אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ), unser Vater und unser König ist, sehen wir noch im selben Kapitel. Ähnlich verhält es sich mit einer Repräsentation der Dreieinheit Gottes. Der menschliche Verstand scheint uns in dieser Sache nicht zufällig zu begrenzen, wird schließlich doch gerade hierdurch die Versuchung unterbunden, sich die Einheit Gottes verfügbar zu machen. Seine absolute Souveränität bleibt somit für uns nach wie vor unantastbar. Denn niemand weiß besser als der Schöpfer selbst, was er seinen Geschöpfen zumuten kann und was nicht.

 

Und dennoch, es lohnt, sich mit dem Geheimnis der Einheit des Ewigen auseinanderzusetzen. Schon allein deshalb, weil er selbst uns in Mt 28,19 damit beauftragt, die Tvila in seinem dreieinigen Namen durchzuführen. Eine Aussage Jeschuas, die von nicht wenigen Auslegern als eine direkte und konkretisierte Fortsetzung der birkat kohanim (בִּרְכַּת כֹּהֲנִים), d.h. des aaronitischen Segens (Num 6,24-26) verstanden wird,[8] welcher ebenfalls drei Mal den Namen des Ewigen beinhaltet. Und vielleicht kommen wir gerade hierin dem Geheimnis der göttlichen Einheit besonders nahe. Denn auch wenn die Begrenztheit des menschlichen Verstandes es uns nicht erlaubt, das Wesen der Einheit Gottes bis ins Letzte nachzuvollziehen, so sagt insbesondere diese Segensformel doch viel über die Art und Weise aus, in der sie uns begegnet. Nämlich als Schöpfer und Bewahrer, als Licht der Welt sowie als Geist der Vollkommenheit und des Friedens:

 

“Der Ewige segne dich und behüte dich! Der Ewige lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig! Der Ewige erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Schalom!”

 

Magnus J. Grossmann

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der messianischen Zeitschrift Menora.



[1]   http://www.laschoresch.org/ueber-uns/haschem-will-nicht.html, eingewählt am 28.06.2015

[2]   Martin Buber,Werke I, Schriften zur Philosophie, Kösel-Verlag, München, 1962, S. 97

[3]   The Brown-Driver-Briggs Hebrew and English Lexicon, Houghton, Mifflin & Co., Boston, 1906, §595

[4]   Dieter Mersch, Ereignis und Aura: Untersuchungen zu einer Ästhetik des Performativen, Suhrkamp, Frankfurt, 2002, S. 173

[5]   Joseph Abelson, The Immanence of God in Rabbinical Literature, Macmillan & Co., London, 1912

[6]   Wilfried Haubeck, Heinrich von Siebenthal, Neuer sprachlicher Schlüssel zum Neuen Testament, Matthäus bis Apostelgeschichte,  Brunnen, Gießen, 1997, S. XXIV

[7]   Barbara Bolt, Art beyond Representation: The Performative Power of the Image, I.B. Tauris & Co. Ltd., London, 2004, S. 14ff

[8]   Das große Bibellexikon, Band 2, SCM R. Brockhaus, Witten, 2009, S. 1599

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Wöchentliche Toralesung

Korach

06.07.2019

Tora: 4. Mose 16,1-18,32

Haftara: 1. Samuel 11,14-12,22

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